Hinweis 2013_5

Gestern (30.11.2013) ist auf Handelsblatt online ein Interview mit mir erschienen zum Thema Sport und Menschenrechte, aus Anlass der Diskussionen um Sotschi und Katar.

Das Interview

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Trauer

Es ist einfach nur traurig!

In Erinnerung an Dieter Hildebrandt:
„Nicht der ist der Nestbeschmutzer, der auf das beschmutzte Nest zeigt, sondern der, der das Nest beschmutzt.“
(zit. n.: Christoph Well, Biermösl Blosn: Kopf und Bauch, taz v. 21.11.2013, S. 3)

Welch eine wunderbare Haltung!

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Hinweis 2013_4

Andreas Fischer-Lescano hat im letzten Heft der Blätter für deutsche und internationale Politik (10/2013) einen sehr lohnenswerten Beitrag zum whistleblowing geschrieben: Das Recht auf Enthüllung. Warum wir Whistleblower brauchen (S. 63-70).

Er macht im Kern drei Punkte stark:

  • Bei der üblichen Strategie der Abwägung von Sicherheits- und Freiheitsinteressen zieht das whistleblowing regelmäßig den Kürzeren – in der Praxis wirkt das dann nicht selten gerade nicht als Schutz, sondern als Angriff auf die Menschenrechte. Fischer-Lescano erinnert an den alten Begriff der „repressiven Toleranz“ von Marcuse.
  • Es ist von vornherein ein falsches Licht, wenn man das whistleblowing durch Bezugnahme auf Individualrechte zu rechtfertigen sucht. Was eigentlich auf dem Spiel steht, ist die überindividuelle Sphäre der Öffentlichkeit als solcher, also ein Rechtsgut, das Helmut Ridder „inpersonale Freiheit“ genannt hat: „Gesellschaft erschöpft sich aber nicht in der Interaktion vernunftbegabter Subjekte.“ (67) Whistleblowing ist „eine spezifische Form der Intervention in öffentlichen Räumen“ – ein Schutz dieser Räume verlangt begrifflich eine radikale Entpersonalisierung von Freiheitsrechten.
  • Damit zielen das whistleblowing und Plattformen wie WikiLeaks keineswegs auf eine total-gläserne Politik, die keine Geheimnisse mehr kennt. Solcherart Offenheitskulte sind theoretisch und praktisch nicht sehr überzeugend. Vielmehr geht es darum, dass nicht im Geheimen darüber befunden wird, was als geheim und was als öffentlich zu gelten hat. Whistleblowing ermöglicht vielfach erst, dass es darüber überhaupt eine öffentliche Debatte geben kann. Ohne whistleblowing „würde die Öffentlichkeit der Politik und nicht die Politik der Öffentlichkeit“ unterworfen (69).

Diese aktuelle Debatte ist eine Variation der Debatte, die mit der Aufklärung selbst aufgekommen ist: Klärt die Aufklärung restlos alles auf? Oder braucht oder hat auch die Aufklärung ihr Geheimnis?
Diese Debatte hat zwei Pole, die miteinander in Einklang zu bringen sind. Der eine Pol ist der Kantische Impuls: Es gibt nichts, was der Kritik prinzipiell entzogen ist, und Kritik ist das Geschäft des öffentlichen Vernunft-Gebrauchs (also zugleich auch Schutz einer Privatsphäre). – Der andere Pol ist der Impuls der Kant-Kritik von Hamann und Herder, der schlicht und einfach in der Nachfrage besteht, woher denn die Aufklärer mit ihrem Licht ausgestattet sind, das sie in das Dunkel der anderen bringen. Gerade der Maßstab der Kritik muss ein gemeinsam geteilter, demokratisch legitimierter und also noch öffentlich debattierter sein, um nicht unsichtbar gemacht und einfach klammheimlich ratifiziert zu werden.

Lessings Ernst und Falk hat das Problem literarisch verhandelt. Siehe dazu auch:
V.Sch. (1999): Das Geheimnis der Aufklärung

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DFB: Julius Hirsch Preis

Gestern fand in Köln nicht nur, wie jedermann in der Republik weiß, ein wichtiges Qualifikationsländerspiel der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft statt. Vorher, am Nachmittag, fand auch, wie nicht jeder weiß, die Feier zur Verleihung des Julius Hirsch Preises durch den DFB statt. Julius Hirsch, geb. 1892, war einer der populärsten Nationalspieler vor dem 1. Weltkrieg; neben Gottfried Fuchs war er einer von zwei jüdischen Spielern in der Geschichte der deutschen Fußballnationalmannschaft. 1943 wurde Hirsch nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht.
Mit dem Preis zeichnet der DFB jetzt zum neunten Mal Personen, Vereine, Initiativen aus, die „sich öffentlich für Demokratie und Menschenwürde, gegen Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung und Gewalt einsetzen“ (DFB, Einladung). In diesem Jahr wurden der SC Heuchelhof (3. Platz) und der 1.FC Nürnberg & die Ultras Nürnberg (2. Platz) ausgezeichnet; der 1. Platz ging mit dem SJC Hövelriege (Kreis Paderborn) an einen insgesamt bemerkenswerten Verein – sie haben als Fußballverein eine eigene Schreinerwerkstatt, die zur Mitarbeit einlädt – für ein Projekt, das seit vielen Jahren der deutsch-griechischen Verständigung dient. Als nun in Zeiten der Euro-Krise und des allgemeinen Griechen-Bashing in Griechenland auch Fotos von Merkel mit Hitler-Bärtchen zu sehen war, war dies beim SJC Hövelriege Anlass genug, sich mit der deutschen Geschichte in Griechenland zu beschäftigen. Es entstand ein Projekt, das die Teilnehmenden zu den Gedenkstätten in den griechischen Orten Kalvrita und Distormo führte. Dort war es 1943 und 1944 zu Massakern durch die deutsche Wehrmacht und die SS gekommen. Es kam zu Begegnungen mit überlebenden Frauen – all ihre Männer waren hingerichtet worden –, und diese Erfahrungen wurden, zurück in Deutschland, in einem ansprechenden Theaterstück aufgearbeitet, mit dem sie jetzt auch Gastspiele geben, wenn sie dazu – wie jetzt vom SC Heuchelhof – eingeladen werden.
Die Laudatio hielt deshalb eine Schauspielerin, und zwar Iris Berben. Wer sie nur für eine himmlische Tochter hält, lebt in der Vergangenheit. Ihre Lobrede war durchweg warmherzig und bemerkenswert deutlich – mit zwei kleinen, fast unscheinbaren Highlights. In die Liste der von den Nationalsozialisten Verfolgten und Ermordeten nahm sie unaufgeregt und wie selbstverständlich auch die mit auf, die in dieser Auflistung sonst oft selbstverständlich fehlen: die Kommunisten. Und sie mokierte sich nicht nur nicht über 68er Weichei-Pädagogik, sondern fühlte sich angesichts der Vereinskultur des SJC Hövelriege fast auf das Schönste an die Umsetzung der pädagogischen Vorstellungen der 70er Jahre erinnert.
Den Ehrenpreis erhielt Ronny Blaschke. Er ist freier Journalist und „interessiert sich für die politischen Hintergründe des Sports“ – einer, der den Fußball seit Jahren mit seinen Reportagen, Vorträgen, Berichten zu Gewalt, Neo-Nazis und Rassismus in den Fußball-Stadien begleitet, ›geschult‹ durch eigene Verbundenheit mit der Fan-Kultur des FC Hansa Rostock, bis heute ein spezieller Fall von Fan-Kultur. Zum Bemerkenswertesten seines viel zu wenig präsenten Journalismus gehört, dass er reflexiv ist. Es geht Blaschke sicher primär um eben das, was er mit seinen Reportagen auch an Schattenseiten des ach so glänzenden Fußballs darstellt. Aber er thematisiert immer auch mit, wie der alltägliche Journalismus mit diesen Schatten-Phänomenen umgeht resp. in der Regel nicht umgeht.
Dass jemand wie Ronny Blaschke diesen Preis verliehen bekommt, ist der letzte Beleg für die Sinnhaftigkeit dieses Preises. Es ist gut, dass der DFB ihn vergibt – und dies ist, bei aller Symbolik, besser, als ihn nicht zu vergeben. Gleichwohl bleibt es eine Gratwanderung. In der abendlichen 20-h-Tagesschau wurde selbstverständlich die ›Nachricht‹ verbreitet, die jeder und jede eh schon kannte: Dass die DFB-Auswahl am Abend ihr ach so wichtiges Qualifikationsspiel austrage, in dem sie sich bereits die Teilnahme an der WM 2014 sichern könne – und, viel wichtiger für die Tagesschau, dass dieses Spiel auch in der ARD übertragen wird. – Verleihung des Julius Hirsch Preises durch den DFB am selben Nachmittag: eine Meldung in der Tagesschau? Fehlanzeige!
Und auch noch in Bezug auf den DFB selbst ist der Verdacht nicht völlig aus der Luft gegriffen, dass es sich um eine Alibi-Veranstaltung handeln könnte. Am Nachmittag wurde die Erinnerungskultur beschworen – immer wieder, und jetzt schon zum neunten Mal, kenntlich machen zu wollen, dass… Aber keineswegs musste der DFB-Präsident Niersbach aus gleich guten Gründen immer wieder aussprechen – am Nachmittag eben gar nicht –, was ein wesentlicher Grund dieser Preisverleihung ist: Dass es ganz gewiss die nationalsozialistische Maschinerie war, die Julius Hirsch in Auschwitz ermordet hat; dass dies aber mit wesentlicher Unterstützung des damaligen DFB geschah, der sich sehr früh 1933 bemüßigt sah, seine jüdischen Mitglieder aus den DFB-Vereinen zu entsorgen. Und, richtig, die Erinnerungskultur dient dazu, in der Gegenwart hellwach zu sein und ggf. Zivilcourage zu zeigen. Niersbach aber sieht eine Bedrohung unserer Demokratie und, vor allem, unseres schönen Fußballs, ausschließlich von Seiten einer kleinen, aber gefährlichen Minderheit gegeben. Hier beginnt die Augenwischerei. Am Abend vorher berichtete Panorama über eindringliche Beispiele braver deutscher Bürger, die selbstverständlich möchten, dass den Flüchtlingen geholfen wird – die aber sofort Gegeninitiativen ergreifen, wenn das Flüchtlingswohnheim gegenüber vom eigenen Gartenzaun eingerichtet wird.

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Splitter 2013_1

Unter dem Titel „Keiner irrt so klug wie Diderot“ schreibt Volker Breidecker heute in der Süddeutschen Zeitung:
„Diderot ist ein wunderbarer Erzähler und Causeur, dessen (wenige) Irrtümer weit mehr Charme und Esprit besitzen als alle Rechthaberei unserer Schulphilosophen. Wer Diderot so lieben lernt, wird nie mehr Heidegger lesen wollen.“
Welch wunderbarer und geistvoller Irrtum. Ein kleines Beispiel für die seltene Dialektik, dass eine historische Ungerechtigkeit zum denkerischen Fortschritt beitragen könnte.
Als Ankündigung von:
Denis Diderot: Philosophische Schriften. Hrsg. v. A. Becker. Berlin: Suhrkamp 2013.

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Hinweis 2013_3

Die Berichterstattung zum Doping und insbesondere zur Doping-Studie der HU zum Doping in West-Deutschland ist gerade etwas, naja, überhitzt, sage ich mal.

Inhaltlich nicht viel Neues, und auch Berichterstattung über die Studie selbst und deren Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung gab es schon. Daniel Drepper und Jens Weinreich hatten schon rund um die ‚Ergebnispräsentation‘ im November 2012 berichtet. Dass die Berichterstattung der SZ jetzt solchen Wirbel macht, ist schön – bietet aber auch Anlass, sich Gedanken darüber zu machen, wie Berichterstattung funktioniert, wie lange ein Sportausschuss nur zuhören resp. weghören kann, wenn er nur in Ruhe gelassen wird etc.

Wie immer: Gute Dokumentation und gute Kommentare zur Sache bei Jens Weinreich
Diskreter Anabolismus

Aber auch: Guter Kommentar von Jessica Sturmberg, Deutschlandfunk, 5.8.2013
„Gewollt, aber nicht staatlich angeordnet“
Hier auch zum Lesen: 13-08-05_dlf_Sturmberg-Kommentar

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Hinweis 2013_2

Heute (3.8.2013) ist in der FAZ ein Beitrag erschienen zum heutigen Sport und Sportsystem. Anlass ist das Doping-Geständnis von Erik Zabel – aber es ist nur indirekt ein Beitrag zum Doping. Es geht darum, welche Konsequenzen solcherart Fälle haben sollten.

Hier der Aufmacher der FAZ und der link:

Wie man zum Schwein wird

03.08.2013 ·  Lüge, Betrug, Rücksichtslosigkeit: Erik Zabel ist ein Musterbeispiel für den Sportprofi, der nach einer überholten Moral leben soll. Mit dem Spielerischen am Sport sind auch die Maßstäbe verlorengegangen.

Von Volker Schürmann
Der Artikel

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Wie geht öffentliches Philosophieren

Aus Anlass der phil.cologne:

  • Ist die phil.cologne, bei allen Problemen, eher zu begrüßen, weil sie Philosophie öffentlich macht? Oder ist sie eher zu kritisieren, weil eine Festivalisierung das Philosophische kaputt macht?
  • Was überhaupt ist das Philosophische an öffentlichen (politischen) Stellungnahmen (aus Anlass einer Deutschlandfunk[dlf]-Nachricht)?
  • Was ist und wie geht öffentliches Philosophieren?

Vom 26.-30.6.2013 fand in Köln erstmalig die phil.cologne statt – die kleine Schwester der überaus etablierten lit.cologne. Es war der Versuch des öffentlichen Philosophierens. „Grundidee ist, die Philosophie in die Mitte der Gesellschaft zu rücken und somit der allgemeinen und zusehends stärker werdenden Lust an philosophischen Fragen zu begegnen.“

Die Kommentare in der SZ taten sich schwer und schickten folglich doublebind-Botschaften: Irgendwie schon ganz richtig, dass die Philosophie sich zeigt – aber ist das denn dann so noch Philosophie? – Der Kommentar in der FAZ war eindeutig: Die Philosophie bittet zum öffentlichen Festival, sie hat sich Talkshowkompatibilität zugelegt. Ihr hervorstechendstes Merkmal ist „ihre Obsession mit dem Lebensweltlichen. Es muss heute über alles philosophiert werden, wenn es nur greifbar genug ist.“ Verloren gegangen sei die Nach-Denklichkeit: „Wer will auch noch Systeme entwerfen, aus denen erst deduziert werden müsste, was man hier fröhlich voraussetzt? Wer will noch à la Hegel die Wirklichkeit schelten, wenn sie ins System nicht passen will?“ (Oliver Jungen, FAZ v. 29.6.2013, S. 34)

Ich bin entschieden der Ansicht, dass die akademische Philosophie zu wenig öffentliche Präsenz zeigt (auch deshalb ja dieser blog). Aber auch ich weiß nicht recht, wie das denn (heute) geht. Philosophie ist als Philosophie nicht zu haben, wenn sie nur die Ergebnisse ihres Nachdenkens präsentiert. Philosophie muss als Philosophie den Weg transparent und damit streitbar machen, der erst die Ergebnisse zu diesen Ergebnissen gemacht hat. Deshalb ist Philosophie weitgehend talkshow- und festivalinkompatibel.

Man muss sich vielleicht immer mal wieder ein pures Ergebnis des aristotelischen Nachdenkens auf der Zunge zergehen lassen:

„Auch gehört es zum Tyrannenregiment, daß […] das Volk über der Sorge für den täglichen Bedarf zu Zettelungen [Verschwörungen] keine Muße behält.“

Muße ist für Aristoteles der gesellschaftliche Ort der Selbstvergewisserung – der Ort des öffentlichen Streits, nicht um das Ausmaß von Steuererhöhungen oder Steuersenkungen, sondern um das Prinzip dessen, warum überhaupt Steuern erhoben werden, wofür das gut sein soll, und wie man die konkreten Maßnahmen der Steuerpolitik an diesem Maßstab messen kann und soll.

Wenn der Ort der Muße in Gesellschaften entfällt, dann funktionieren wir nur noch, hart an der Dressur. Die heutige Herrschaftstechnologie liegt genau darin, die ehemaligen Orte der Muße [= des Politischen = des Streits um die Prinzipien konkreter Politik] in Festival- und Eventkultur zu kleiden, um die leichte Kost der Meinungen schon für einen Streit um die schwerere Kost der Maßstäbe für Meinungen zu halten.

Der dlf meldete in seinen Nachrichten, dass Frank Walter Steinmeier den Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich „scharf“ kritisiert habe. Steinmeier sei „fassungslos“. Erst werfe Friedrich den Kritikern der Abhöraktionen und Datenspeicherungen der US-Geheimdienste Anti-Amerikanismus vor – jetzt fliege er selbst in die USA, um sich persönlich zu informieren. Das zeuge von „Unsicherheit“ und fehlender „Trittfestigkeit“ (dlf, Freitag, 5.7.13, 8.00 h). – Was soll man dazu sagen?

Das ist entweder eine üble Verzerrung seitens des dlf, oder eine unsägliche politische Dummheit von Steinmeier. Ich habe mir nicht die Mühe gegeben zu recherchieren, was Steinmeier tatsächlich gesagt hat – mich interessiert diese Stellungnahme. Nehmen wir an, sie hätte es so von irgendwem, nennen wir in FWS*, tatsächlich gegeben. – Was daran ist philosophisch zu kritisieren?

Philosophisch ist nicht, ob bzw. was man an Friedrich kritisiert oder an seiner Amtsführung lobt. Hier braucht es gesunden Menschenverstand, gute Informationen, Urteilsfähigkeit und eine politische Haltung, die sich dann in der Art der Kritik oder des Lobes zeigt. Sich an dieser Stelle philosophisch einzumischen, verwechselt etwas Grundlegendes – das wäre in etwa analog dazu, dass man die Physik ›philosophisch‹ für die Ergebnisse ihrer Experimente kritisiert. Um den sachlichen Gehalt politischer Stellungnahmen zu beurteilen, braucht es Bürgerinnensinn und ggf. politikwissenschaftliche oder sozialwissenschaftliche Kompetenz, aber keine philosophische Oberaufsicht. Philosophische Stellungnahmen in politischen Angelegenheiten können niemals direkt, sondern allenfalls indirekt zur politischen Sachlage Stellung nehmen.

Das Philosophische daran zielt stattdessen auf das Wie solcher Stellungnahmen – es ist eine Stellungnahmen zu getätigten Stellungnahmen, und nur dadurch auch selbst eine Stellungnahme in der Sache. Der Job der Philosophie ist, „über das Nachdenken nachzudenken“ (Dirk Knipphals, taz v. 6./7.7.13, S. 24)

In diesem Fall: Ganz egal, ob oder was man an Friedrich kritisiert (und ich finde, jetzt als Bürger der Bundesrepublik, nicht als gerade öffentlich Philosophierender, dass man ihn massiv kritisieren muss): die Stellungnahme von FWS* ist politisch fatal, weil sie überhaupt gar keinen politischen Gehalt kritisiert, sondern eine Kritik an der Person ist und ein zutiefst aufregendes politisches Problem psychologisiert. „Unsicherheit einer Amtsperson“ ist als politische Kategorie zutiefst anti-emanzipatorisch, weil es den politischen Gehalt gerade verschleiert – es hilft ja nicht, mit sicherer Haltung so viele Daten auszuspähen (zumal dann, wenn sich dieselben Kleingeister zuallererst über das Macho-Gehabe von „sicheren“ Amtsführungen mokieren).

Wenn man, wie ich z.B., mit der Leibesfülle und der ästhetischen Erscheinung unseres Umweltministers zu kämpfen hat, oder wenn man diese komische Kostümierung unserer Bundeskanzlerin auch nur der Erwähnung wert findet, dann braucht es mindestens so elaborierter Theorien wie Bourdieus Habitus-Konzept, um den politischen Gehalt im Habitus von Altmaier oder Merkel aufzuzeigen. Es verschleiert politische Verhältnisse zu sagen: „Ich wähle die nicht, weil ich deren Erscheinung nicht leiden kann.“ Denn dann bekommt man die Strafe, die man verdient – z.B. einen smarten Guttenberg.

Will sagen: Philosophisch-politische Stellungnahmen sind nicht die im Gehalt besseren Stellungnahmen zur Sache, sondern sie sind gar keine direkten Stellungnahmen zur Sache – um gute Bürgerin zu sein, braucht es keine philosophische Ausbildung. Philosophisch-politische Stellungnahmen sind Stellungnahmen zu politischen Stellungnahmen, die Stellung nehmen zum Wie dieser Stellungnahmen – wie sie begründet sind, wie sie argumentieren, was sie vergessen oder verschweigen etc. –, und (nur) dadurch dann auch Stellungnamen zur Sache.

Ich stieß jetzt auf einen alten Satz von Jacobi:
„Alle Vorurtheile ablegen, heißt alle Grundsätze ablegen. Wer keine Grundsätze hat, wird theoretisch und praktisch durch Einfälle regiert.“ (zit.n.: O. Koch: Individualität als Fundamentalgefühl. Hamburg: Meiner2013, S. 117, FN)
NB: Es ist ein logischer Fehler, wenn man daraus macht: Wer Vorurteile hat, der hat Grundsätze.

Man kann das alles auch wortspielerisch sagen:

Nach-Denken ist Ausdenken – aber nicht in dem Sinne, den man beim ersten Hören damit verbindet.
Nach-Denken ist aus- und zuendedenken dessen, was man da so denkt.
Und das wiederum geht nur öffentlich, denn wenn man in diesem Sinne privat, nur für sich ausdenkt, dann wird es ein Grübeln, weil man, allein für sich, beim Nachdenken an kein Ende kommt, denn dann fällt einem immer noch etwas ein, was noch nicht hinreichend bedacht ist.
Nach-Denken als zu Ende denken, als konsequentes Denken ist öffentliches Heischen um Widerspruch.

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Hinweis 2013_1

Ich möchte auf das Projekt von Jens Weinreich hinweisen und zur Unterstützung aufrufen.

Hier ist sein eigener Hinweis dazu:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich erlaube mir, Sie in aller Kürze auf ein Projekt hinzuweisen, das möglicherweise Ihr Interesse findet:

Der wichtigste sportpolitische Termin des Jahres ist die Wahl des neuen IOC-Präsidenten am 10. September 2013 in Buenos Aires.

Der Wahlkampf der sechs Kandidaten – darunter der favorisierte Thomas Bach aus Deutschland und Denis Oswald aus der Schweiz – um den Vorsitz im Internationalen Olympischen Komitee wird von tektonischen Machtverschiebungen im Weltsport überschattet: Ölscheichs und Oligarchen unterwandern das olympische Sportbusiness, akquirieren Mega-Events wie Olympische Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften, sorgen für Dauer-Skandale und durchsetzen die Gremien mit ihnen genehmen Personen.

Als Experte für internationale Sportpolitik und langjähriger Beobachter der Szene werde ich den historischen IOC-Wahlkampf, die Machtkämpfe im Hintergrund und die zaghaften Bemühungen um Good Governance im IOC-Reich und den olympischen Weltverbänden, von denen die meisten in der Schweiz domiziliert sind, in den nächsten Monaten quasi live begleiten.

Ich werde meine Analysen und Reportagen in dem Buch „Macht, Moneten, Marionetten“ vorlegen.

Sie können sich an dem einzigartigen Projekt beteiligen, in dem Sie das Buch jetzt kaufen und Recherchejournalismus finanzieren – und/oder mit Ihrem Hintergrundwissen zum Gelingen des Projektes beitragen.

Alle weiteren Informationen finden Sie auf der Crowdfunding-Plattform Krautreporter:

http://krautreporter.de/de/ioc-buch

Zusätzliche Informationen und ein umfassendes Archiv meiner bisherigen Arbeit finden Sie auch unter:

http://www.jensweinreich.de/2013/06/10/crowdfunding-das-ioc-buch-macht-moneten-marionetten

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Freundliche Grüße

Jens Weinreich

http://nl.xeu.de/j.cfm?i=457734&k=141838

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Individualität | Die Monadologie von Leibniz

Die Monadologie von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) ist [für mich, na klar; in anderer Perspektive mag das anders sein – s. About]
die Philosophie der Individualität.

Nun ist dies eine vormoderne Philosophie. Gott war noch nicht tot, und deshalb standen auch Individuen noch nicht allein auf ihren eigenen zwei Beinen. Was heißt das für diese Philosophie der Individualität?

Ist es möglich, die ganze Monadologie in die Moderne zu transponieren? Oder bleibt nur ein bisschen Leibniz, oder auch gar nichts von ihm übrig, nachdem Gott gestorben ist? – Ich versuche es mit Ludwig Feuerbach (1804-1872).

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