»Reflexion

Glossar der Moderne | »Reflexion [Juni 2012]

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„1. Das Wesen des Denkens besteht im Reflectiren, d.h. im Unterscheiden des Denkenden von dem Gedachten. – 2. Um zu reflectiren, muss der Geist in seiner fortschreitenden Thätigkeit einen Augenblick still stehn, das eben Vorgestellte in eine Einheit fassen, und auf diese Weise, als Gegenstand, sich selbst entgegen­stellen.“ (Humboldt 1795/96, 97)

Die Moderne, auch schon die klassische, ist durch die prinzipielle Vermitteltheit aller gesellschaftlichen Verhältnisse, nämlich vermittelt durch das Medium der verfassten Bürgerschaftlichkeit (­»Staatsbürgerschaft), konstituiert (­»Medialität).

Die ­»mediale Moderne ist die Reflexion der prinzipiellen Vermitteltheit moderner gesellschaftlicher Verhältnisse.

Damit soll Mehreres zugleich zum Ausdruck kommen: Die mediale Moderne ist ein Selbstverhältnis der Moderne zu sich, und zwar derart, dass ein qualitativer Unterschied zur klassischen Moderne entspringt – aber nicht in der Weise, dass das Neue als ein weiteres Element additiv hinzutritt, sondern dadurch, dass dasjenige, was die Moderne als Moderne ausmacht, zum artikulierten Ausdruck kommt, wodurch sich der Grundcharakter der Moderne ändert. So weit die These, deren verallgemeinerbare Struktur man metapherngeschichtlich als Spiegelungsverhältnis und begrifflich als Reflexion bezeichnen kann.

Ein Paradigma dessen, was dabei „Reflexion“ heißt, ist das Lernen des Lernens. – Beim Lernen englischer, französischer, lateinischer Vokabeln, mathematischer Zusammenhänge, physikalischer Gesetzmäßigkeiten, von Klavier- oder Volleyballspielen etc.pp. ist es nicht möglich, sich keine Lernstrategie anzulernen. Gelegentlich kann es einem dann passieren, dass man nicht nur englische Vokabeln lernen muss, sondern dass man eine andere Lernstrategie lernen muss, was dann, hoffentlich, auch das Lernen von Vokabeln, Mathematik, Spielen etc. verändert. Das Lernen des Lernens artikuliert also dasjenige, was das Lernen von X bis dato unausdrücklich („empraktisch“, so Bühler) zu (m)einem Lernprozess machte. – Und analog gilt etwa:

  • das Schauspielern ist Reflexion des personalen, mithin u.a. schauspielenden Tuns
  • Inszenieren ist reflexives Darstellen
  • bei Plessner: Exzentrizität ist reflexive offene Positionalität
  • bei Novalis: Wir sind dem Aufwachen nah, wenn wir träumen, dass wir träumen.
  • usw.

Verallgemeinert gesagt: Reflexion heißt Rückbeugung (auf sich). Eine Reflexion von X ist die Artikulation einer Bestimmung, die in der Rede von X bereits in Gebrauch genommen ist und dort unartikuliert als eine/die konstitutive Bestimmung von X fungiert. Eine Reflexion nimmt insofern X vermittels der artikulierten Bestimmung von X als X, also von einer höheren Reflexionsstufe aus.

Artikulation ist dabei mehr als bloßes Explizitmachen. In der Artikulation von X als X verändert sich, im Unterschied zum bloßen Explizitmachen, der Gesamtcharakter von X. Insofern ist eine Reflexion von X ein transformierendes Beim-Wort-Nehmen von X.

Reflexionstufe ist der Gegenbegriff zu Meta-Ebene. Man kann X auch von einer Meta-Ebene aus beobachten (statt reflektieren) – das meint hier: Beobachten ist ein Beschreiben und ggf. Beurteilen von X vermöge anderer Kriterien als solcher Kriterien, die dem beobachteten X eigen sind. Zum Beispiel macht es oft guten Sinn, dass jemand mein Verhalten nicht mit meinen, sondern mit seinen moralischen Vorstellungen konfrontiert und beurteilt. Manchmal aber ist es hilfreich(er), Verhalten (oder Sonstiges) zu reflektieren, und nicht lediglich zu beobachten. – Eine Reflexionsstufe ist durch einen Selbstbezug konstituiert, der bei einer Meta-Ebene ausgeschlossen wird. Insofern handelt es sich um zwei unterscheidbare Antworten auf die Paradoxien der mengentheoretischen und semantischen ­Antinomien.

Kern-Zitate

„Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei würket, daß sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die Aufmerksamkeit auf sie richten und sich bewußt sein kann, daß sie aufmerke. Er beweiset Reflexion, wenn er aus dem ganzen schwebenden Traum der Bilder, die seine Sinne vorbeistreichen, sich in ein Moment des Wachens sammeln, auf einem Bilde freiwillig verweilen, es in helle ruhigere Obacht nehmen und sich Merkmale absondern kann, daß dies der Gegenstand und kein anderer ist. Er beweiset also Reflexion, wenn er nicht bloß alle Eigenschaften lebhaft oder klar erkennen, sondern eine oder mehrere als unterscheidende Eigenschaft bei sich anerkennen kann: der erste Aktus dieser Anerkenntnis gibt deutlichen Begriff.“ (Herder 1772, 32)

„Man nenne diese ganze Disposition seiner Kräfte wie man wolle, Verstand, Vernunft, Besinnung [Reflexion] usw. Wenn man diese Namen nicht für abgesonderte Kräfte und für bloße Stufenerhöhungen der Tierkräfte annimmt, so gilts mir gleich. Es ist die ganze Einrichtung aller menschlichen Kräfte; die ganze Haushaltung seiner sinnlichen und erkennenden, seiner erkennenden und wollenden Natur; […] Der Unterschied ist nicht in Stufen oder Zugabe von Kräften, sondern in einer ganz verschiedenartigen Richtung und Auswicklung aller Kräfte.“ (Herder 1772, 26f.)

„Ist nämlich die Vernunft keine abgeteilte, einzelwürkende Kraft, sondern eine seiner Gattung eigne Richtung aller Kräfte, so muß der Mensch sie im ersten Zustand haben, da er Mensch ist. Im ersten Gedanken des Kindes muß sich diese Besonnenheit zeigen, wie bei dem Insekt, daß es Insekt war.“ (ebd. 29)

Literatur

Herder, J. G. v. (1772): Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Hg. v. H.D. Irmscher. Stuttgart: reclam 1966.

Humboldt, W. v. (1795/96): Über Denken und Sprechen. In: W. v. Humboldt, Werke in fünf Bänden. Hg. v. A. Flitner & K. Giel. Darmstadt: WissBG. Bd. V (1981), 97-99.

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