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Glossar der Moderne | »Ontologie [Juli 2012]

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Eine Ontologie ist eine Kategorienlehre.

Das heißt: Eine Ontologie ist nicht (zwingend) eine Lehre dessen, was ist, also keine Lehre der Klassifikation oder sonstigen Strukturierung des Ontischen, sondern eine „Lehre von den Formen der Konzeptualisierung dessen, was existiert“ (Pätzold 1991, 49).

Eine Ontologie ist eine Seins-Lehre, denn sonst hieße sie nicht so. Aber das Sein, von dem eine Ontologie handelt, ist keine Verallgemeinerung über alle Seiende (= Naturkörper). Eine Seins-Lehre als Kategorienlehre handelt nicht von Natur als der Welt der Seienden, und macht also keine Aussagen zur ›Natur‹ der Naturkörper. Das Sein einer Ontologie als Kategorienlehre ist vielmehr Titelwort und Maß der logischen Bedeutung aller ist-Sätze – es ist das Wahr-Sein aller feststellenden, evozierenden und spekulativen Aussagen.

Eine Ontologie als Kategorienlehre artikuliert die Basis-Kategorien eines Gegenstandes des Erkennens bzw. Handelns, die einen gegebenen empirischen Sachverhalt formatieren (­»Kategoriale Formatiertheit). Das sind Kategorien, die (mindestens) i) die Bestimmtheit des Gegenstandes festlegen (= dieser-und-nicht-jener zu sein), die ii) das Prinzip angeben, das diese Gegenstandsbestimmungen zusammenhalten (= ihr systemischer Zusammenhang, nicht bloße Aggregation), und die iii) ein Verstehens- bzw. Erklärungsprinzip festlegen (= eine Antwort auf die Frage, was als zu Verstehendes/zu Erklärendes gilt und was als Grund des Verstehens/Erklärens). – An einem Beispiel: Gesellschaftstheorien sind sich darin einig, dass man die Mitglieder einer Gesellschaft nur in ihren Verhältnissen zueinander, in ihrer Sozialität, betrachten und analysieren kann. Aber sie unterscheiden sich, abhängig von ihrer Sozial-Ontologie, sehr gravierend darin, wie sie das Verhältnis von Individualität und Sozialität konzipieren. Bei einem Sozialatomismus, wie er z.B. den klassischen Gesellschaftsvertragstheorien zugrunde liegt, bilden die gegebenen Individuen den Ausgangspunkt, und es bedarf eines eigenen Grundes, dass und inwiefern diese Individuen es nötig haben, soziale Beziehungen miteinander einzugehen. Bei einem Strukturalismus ist es gerade umgekehrt: Ausgangspunkt sind dort gegebene Verhältnisse, und man hat dort gar keinen Begriff von Individualität außerhalb dieser Verhältnisse. Die wohlfeile Bekundung, dass Individuum und Gesellschaft eine (dialektische) Einheit bilden, ist im Hinblick auf solch grundlegende ontologische Unterschiede schlicht nichtssagend, weil es niemanden gibt, der eine solche Einheit bestreitet. Streit gibt es in Sachen Ontologie.

Eine Ontologie ist damit eo ipso eine Gegenstands-Ontologie. Eine Logik wäre dann derjenige ausnehmend besondere Fall einer Ontologie, die von irgend-einem Gegenstand handelt, also von einem festen, aber beliebigen. Eine Logik klärt dann das, was das Ontologische, mithin das Wahr-sein an einer Gegenstands-Ontologie ist, während eine Ontologie i.e.S. das Gegenständliche an einer Gegenstands-Ontologie klärt, mithin das Wahr-sein in Bezug auf diesen Gegenstand.

Kern-Zitate

„Und es liegt dann auf der Hand, daß der Ausdruck ›ein Seiendes‹ hier nicht weniger, aber gewiß auch nicht mehr bedeutet als die Ausdrücke etwas, aliquid, res, Ding, Sache. Es ist daher für die weiteren Bemerkungen gleichgültig, ob Sie an Seiendes oder an Ding oder an Etwas denken. – Zur Vermeidung von Mißverständnissen noch folgendes: Ob dieser Sinn von Seiendem derjenige ist, im Hinblick auf welchen eine Ontologie eine Ontologie sein und heißen kann, lassen wir ganz offen. Ich bezweifle es [= ich bin entschieden anderer Ansicht] – und ich stehe mit diesem Zweifel gewiß nicht allein (Nicolai Hartmann – Heidegger – Aristoteles).“ (König 1953ff., 82)

„Ich halte es daher […] für falsch, wenn man Onto-logie mit der Vorstellung von Bewußtseinsunabhängigkeit assoziiert.“ (Pätzold 1991, 49)

„Die Gegenstandslehre ist so der Ort der Kategorien als allgemeinster und sodann als kritisch-typischer Daseinsweisen, Daseinsformen. […] Wichtig dazu ist die angegebene Unterscheidung zwischen Gegenstand und realem Objekt […]. Das sachhaft-objektgemäß Mögliche, gegenstandstheoretisch erfaßt und definiert, macht also durchaus eine eigene Differenzierung in der Kategorie der Möglichkeit aus und ist nicht etwa eine überflüssige Verdopplung des objekthaft-real Möglichen.“ (Bloch 1959, Kap. 18, hier: S. 266)

Typen von Ontologien

In folgendem Sinne artikuliert eine Ontologie basale Kategorien: Jede wissenschaftliche Analyse legt de facto, implizit oder explizit, eine kleinste Analyseeinheit dessen zugrunde, was ihren Gegenstand ausmacht (vgl. exemplarisch Vygotskij 1934, Kap. 1). Eine Ontologie konzeptualisiert diese kleinste Analyseeinheit, und verschiedene Ontologien unterscheiden sich darin, wie sie das tun; sie unterscheiden sich insbesondere hinsichtlich ihrer Verstehensprinzipien. Mindestens die folgenden Typen von Ontologien kann man unterscheiden:

Der Sozialatomismus ist der paradigmatische Fall einer Ding-Eigenschafts-Ontologie (oder auch: Substanz-Akzidens-Ontologie). In einer solchen Ontologie ist sowohl Relationalität als auch Bewegtheit eine Eigenschaft, die einem als solchen schon gegebenem Ding zukommt; ggf. gibt es ausgezeichnete Dinge, die andere Dinge in Bewegung bringen können („Kräfte“), oder die in der Lage sind, Relationen zu anderen Dingen auszubilden („lebendige Dinge“, „Subjekte“ etc.). – Der Strukturalismus ist der paradigmatische Fall einer Relationen-Ontologie. Eine solche Ontologie steht notorisch in Verdacht, kein Äquivalent zu dem zu besitzen, was in einer Ding-Eigenschafts-Ontologie die Dinge sind, denn sehr häufig stilisiert sich ein Strukturalismus selbst in der Weise, die Relata als ohne Rest in einen Effekt der Relationen aufgelöst zu betrachten. Vor allem aber lässt eine Relationen-Ontologie im Dunkeln, wie bewegte Strukturen zu denken wären – entweder Strukturen geraten zu statischen Gebilden, oder aber (Bourdieu ist ein Kandidat) die Bewegtheit gilt schon als analytisch in Relationalität enthalten, was sachlich falsch ist, da auch statische Strukturen denkbar sind. – Nicht zuletzt finden sich Prozess-Ontologien, die als kleinste Analyseeinheiten Prozesse ansetzen (grundlegend: Röttgers 1983; vgl. auch Wahsner 2010), und d.h. jetzt: in einem Medium lebende, auf-, neben oder gegeneinander bezogene gegenständliche Bewegungen. Hier ist Bewegtheit nichts zu Erklärendes, sondern Erklärungsgrund; stattdessen bedarf es eines eigenen Grundes, um Invarianzen oder Ruhezustände zu verstehen bzw. zu erklären. Eine Prozess-Ontologie kennt daher eine Binnendifferenzierung von fließenden und geronnenen Prozessen, also von Prozessen und Produkten.

Prozess-Ontologien

„Vorläufig zusammenfassend kann man sagen: Prozesse sind Vorgänge der Natur, die so ineinander verschachtelt sind, daß jede Einheit eines Prozesses zugleich eine Vielfalt von Prozessen darstellt und eine Vielheit von Produkten hervorbringt. Kräfte gehören nicht mehr zu den ursächlichen Vorgegebenheiten von Prozessen, sondern Kräfte sind Aspekte von Prozessen, deren Beziehung zu Prozessen auch umgekehrt als Ursächlichkeit der Prozesse für Kräfte gedeutet werden muß. Prozesse haben ein spezifisches Innen und Außen, die zusammen auf eine hierarchisch gegliederte Ordnung von Prozeßebenen verweist, so daß jedes Außen auf einer anderen Prozeßebene auch als ein Innen erscheinen kann. Prozesse sind durchgängig auf komplementäre Gegenprozesse bezogen, deren Insgesamt eine strukturell gleichartig gegliederte Gegen-Welt konstituiert.“ (Röttgers 1983, 126)

Das notorische Folgeproblem von Prozess-Ontologien ist die Erklärung von emphatisch Neuem. Emphatisch Neues meint hier solcherart Neues, das nicht als bloße Umformung von schon Gegebenem, also nicht als bloße Kombinatorik, sondern nur als echte Transformation verstanden werden kann. An diesem Problem scheiden sich die Geister zweier Sub-Typen von Prozess-Ontologien. Aktuell sehr verbreitet sind Ereignis-Ontologien. Diese sichern die Unreduzierbarkeit des emphatisch Neuen dadurch ab, dass sie einen Prozess de facto als eine Dualität von reiner Bewegtheit einerseits und Material andererseits konzipieren, also als ungegenständliche Bewegung. Ein Ereignis ist dann ein reines Geschehen, was von seinem Vorher und Nachher logisch strikt getrennt ist – jene Situationen, in denen die reine Prozessualität wie ein Blitz in Irgendwas hineinschlägt. Eine Ereignis-Ontologie ist insofern in einem strengen Sinne Pfingstwunder-Philosophie, und der politische Sinn dieser Ontologie ist die Absage an die Gestaltbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse, denn auf Ereignisse kann man nur hoffend-bangend warten (will man nicht das reine Geschehen beschmutzen). Eine Ereignis-Ontologie ist also die postmodern aufgemotzte Variante vormoderner Fatum-Ausgeliefertheit. Prozess-Ontologien im engeren Sinne, also der zweite Subtyp, halten demgegenüber am Ausgangspunkt gegenständlicher Prozesse fest (exemplarisch: Leont’evs Tätigkeitstheorie; vgl. Schürmann 2008). Hier ist freilich mehr als unklar, ob bzw. wie emphatisch Neues überhaupt erklärbar ist – schon deshalb, weil eine solche Prozess-Ontologie ohne Hegels Dialektik nicht zu haben ist, die wiederum gemeinhin im Verdacht des Strukturkonservatismus steht, um es freundlich auszudrücken („der preußische Staatsphilosoph, bei dem der Weltgeist zu Pferde reitet“). Immerhin blitzt von dorther eine Lösungsmöglichkeit auf: Emphatisch Neues, und d.h. doch: echte Freiheit in der Gestaltung von Prozessen, scheint an die Logik von Antinomien bzw. „dialektischen Widersprüchen“ (vgl. Wolff 1981) gebunden zu sein; Bewegung jedenfalls ist mit Hegel der „daseiende Widerspruch“. Der Subtyp der Prozess-Ontologien im engeren Sinne gehört in der medialen Moderne zu den vom Aussterben bedrohten Arten. Seine nach wie vor gegebene Vitalität macht sich jedoch z.B. in diversen Performanzkonzeptionen und Praxistheorien bemerkbar. Gerade dort aber wird dieser Subtyp einerseits von Pfingstwunder-Philosophien überlagert, und andererseits erst gar nicht als Ontologie thematisiert, geschweige erkannt, denn „Ontologie“ gilt dort fälschlich als (vorkritische) Lehre vom Ontischen und deshalb als Unwort. – Noch ein Punkt zur Vermeidung von Missverständnissen: Nicht überall, wo „Prozess-Ontologie“ drauf steht, ist auch Prozess-Ontologie drin. Das bekannteste Beispiel dafür ist Whiteheads Kosmologie, die sich selbst als „Prozess-Ontologie“ bezeichnet, die de facto aber eine nominalistische Konzeption zu­grundelegt (= es gibt nur Einzelnes, aber keine Zusammenhänge). Deshalb handelt es sich bei dieser Kosmologie um eine spezielle Ding-Eigenschafts-Ontologie, nämlich um eine solche, die Bewegtheit als konstitutive Eigenschaft aller Dinge konzipiert.

Konsequenzen

Das systemische Moment der Medialität moderner gesellschaftlicher Verhältnisse generiert ein Feld, kein System. Dies ist zugleich die Einbettung von Verhältnissen in Prozesse – in diesem Sinne sind Medien als Felder tatsächlich „Lebenselemente“ (­»Medialität), oder nüchterner formuliert: Lebens- bzw. Praxisformen. In Bezug auf moderne Gesellschaften heißt das: Dies ist die Unterscheidung von Staat (bürgerschaftliche Verhältnisse) und Gesellschaft (zivilgesellschaftliche Prozesse). Der Gegenstand der Gesellschaftstheorie ›Mediale Moderne‹ ist insofern nicht „Gesellschaft“, sondern „das gesellschaftliche Leben“.

Literatur

Bloch, E. (1959): Das Prinzip Hoffnung. In: ders., Gesamtausgabe. Frankfurt a.M. 1959-1977, Bd. 5.

König, J. (1953ff.): Der logische Unterschied theoretischer und praktischer Sätze und seine philosophische Bedeutung. Hg. v. F. Kümmel. Freiburg/ München: Alber 1994.

Pätzold, D. (1991): Entwicklungen im Verhältnis von Ontologie und Epistemologie: Descartes bis Kant. In: Dialektik 1991/1, 45-63.

Röttgers, K. (1983): Der Ursprung der Prozeßidee aus dem Geiste der Chemie. In: Archiv für Begriffsgeschichte 27 (1983), 93-157.

Schürmann, V. (2008): Prozess und Tätigkeit. In: Behindertenpädagogik 47 (2008) 1, 21-30.

Vygotskij, L. S. (1934): Denken und Sprechen. Psychologische Untersuchungen (hg. u. übers. v. J. Lompscher & G. Rückriem). Weinheim: Beltz 2002.

Wahsner, R. (2010): ›Bewegung‹. In: H.J. Sandkühler (Hg.), Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM. Hamburg: Meiner, Bd. 1, 268-273.

Wolff, M. (1981): Der Begriff des Widerspruchs. Eine Studie zur Dialektik Kants und Hegels. Königstein/Ts.

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