»Medialität

Glossar der Moderne | »Medialität [August 2012]

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Die Moderne ist durch die prinzipielle Vermitteltheit aller gesellschaftlichen Verhältnisse konstituiert. Dies ist eine Vermitteltheit qua Medialität.

Medialität als vermittelte Unmittelbarkeit

Medialität ist eine Form von Vermitteltheit (von Verhältnissen), nämlich die Form der Vermitteltheit durch ein Medium, im Unterschied zur Form der Vermitteltheit durch ein Mittel. Wenn (if and when) Verhältnisse qua Medium vermittelt sind, dann ›leben‹ diese Verhältnisse in diesem Medium als ihrem Lebenselement. Prototypisch: Insofern die Verhältnisse von Wasserlebewesen zu den Dingen in ihrer Umwelt prinzipiell durch das Medium des Wassers vermittelt sind, spielen sich diese Verhältnisse in ihrem Lebenselement des Wassers ab. Genau das bedeutet es, ein Wasserlebewesen zu sein (ergänzend Schürmann 2010).

Unabhängig von der Lebendigkeit solcher Wesen selber, verdienen auch solch medial vermittelte Verhältnisse ›lebendig‹ genannt zu werden – und zwar in einem minimalen Sinne von lebendig, nämlich dem der dynamischen Bezogenheit der Pole dieses Verhältnisses aufeinander. In diesem Sinne gibt es mediale Vermitteltheit auch außerhalb der Sphäre der organischen Natur – klassisch also etwa dort, wo Katode und Anode qua Salpetersäurebad vermittelt, mithin in der Elektrolyse dynamisch aufeinander bezogen sind (Röttgers 1983).

Medialität hat in diesem Sinne eine 2+1-Struktur, die ihrerseits konstitutiv für Prozessualität im Sinne von Selbst-Bewegtheit (im Unterschied zu bewirkter Abweichung aus einer Ruhelage) sein dürfte (­»Ontologie).

Gesellschaftstheoretisch ist es insofern ein grundlegender Unterschied, ob Verhältnisse zwischen sozialen Akteuren durch das Paradigma ›Intersubjektivität‹ formatiert sind oder aber durch das Hegelsche Paradigma ›Geist‹. Intersubjektivitäts-Beziehungen sind grundsätzlich dyadisch, und dies hat gravierende konzeptionelle Konsequenzen. Die beiden wichtigsten sind:

  1. der sozialontologische Atomismus – in dyadischen Verhältnissen sind die sozialen Akteure das, was sie sind, auch vor und außerhalb dieser Verhältnisse, und Intersubjektivität ist folglich ein Hin- und Her-Verhältnis, in schlecht gebildeter Logik oft „Wechselseitigkeit“ genannt. Intersubjektivität ist nichts, was für soziale Akteure konstitutiv resp. notwendig ist, sondern soziale Akteure haben dort gemäß einer von Außen herangetragenen Norm Intersubjektivität nötig;
  2. die Vermitteltheit durch ein Mittel – dort, wo dyadische, also reine face-to-face-Beziehungen überhaupt vermittelt sind, ist diesen Hin- und Her-Bezugnahmen etwas Drittes, ein Ding oder ein dritter Akteur, in die Quere gekommen. Die Bewertung dieser Form der Vermittlung ist notorisch ambivalent: Das dritte Etwas stört die Eigentlichkeit der reinen Unvermitteltheit – aber ohne solche Störung wird es schnell langweilig.

All dem gegenüber sind im Hegelschen Paradigma des Geistes die sozialen Akteure grundsätzlich als Personen anerkannt, und d.h.: Verhältnisse zwischen sozialen Akteuren sind medial vermittelt, insofern sie im Element des Geistes, sprich: der Mitwelt leben.

Medialität und Gesellschaftstheorie

Wenn man Vermitteltheit qua Medium und Vermitteltheit qua Mittel voneinander unterscheidet, und diese Unterscheidung zur Unterscheidung von Gesellschaftstheorien nutzt, dann ergeben sich folgende Gesellschaftstheorie-Formationen:

methodischer Individualismus/Sozialatomismus Holismus Medialität=Weltlichkeit
vormoderne, monarchistische Vertragstheorie:
Paradigma Hobbes
Gesellschaft als große Gemeinschaft – Gesinnungsgemeinschaftskult/ Kulturkritik: Paradigma Rousseauis­mus moderne, republikanische Theorie sich-anerkennen­der Personen: Paradigma Rousseau-Hegel
politischer Liberalismus Kommunitarismus/ Anerkennungs­theorie à la Honneth Republikanismus/Theorie der Anerkennung (Hegel)

Der Medialität korrespondiert intrinsisch eine Weltlichkeit, da jedes Medium ein bestimmtes ist: dieses-und-nicht-jenes, und erst recht nicht ein allumfassendes Alles („Gott und die Welt“). Die Elektrolyse funktioniert nicht im Wasserbad, die unbedingte Achtung des Menschen als Menschen funktioniert nicht in antiken Sklavenhaltergesellschaften etc.pp. Insofern hat jedes Medium sein Maß und bildet eine (kleine oder große) Welt, eine „Sphäre“. Das ist gleichbedeutend damit, dass medial vermittelte Verhältnisse in einem Lebenselement leben, also durch ein systemisches, auf die Verhältnisse als solche nicht reduzierbares Moment charakterisiert sind.

Dieses systemische Moment ist also gegenüber der Relationalität resp. Struktur eigenbedeutsam, aber nicht eigenständig. Dass es eigenbedeutsam (= nicht reduzierbar) ist, unterscheidet Medialität von einem methodischen Individualismus und auch noch von einem Strukturalismus; dass dieses eigenbedeutsame Moment gleichwohl nicht eigenständig (= nicht substantialisierbar) ist, unterscheidet Medialität von jedem Holismus. Terminologisch: Das systemische Moment des „Lebenselementes“ generiert ein Feld, nicht aber ein System.

Literatur

Röttgers, K. (1983): Der Ursprung der Prozeßidee aus dem Geiste der Chemie. In: Archiv für Begriffsgeschichte 27 (1983), 93-157.

Schürmann, V. (2010): ›Vermittlung/Unmittelbarkeit‹. In: H.J. Sandkühler (Hg.) (2010): Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM. Hamburg: Meiner, Bd. 3, 2886-2891.

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