»Kategoriale Formatiertheit

Glossar der Moderne | »Kategoriale Formatiertheit [Juni 2012]

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„Kategorien sind keine Begriffe, sondern ermöglichen sie.“
(Plessner 1928, 116 [= GS IV, 169])

Die Unterscheidung Sozialwissenschaft / Gesellschaftstheorie

Die zentrale und alles entscheidende Operation des gesamten FSP liegt in der Unterscheidung von empirischer Wissenschaft des Sozialen (empirische Sozialwissenschaften, empirische Kulturwissenschaften, empirische Psychologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaften etc.) einerseits und einer Kategorienlehre des Gesellschaftlichen andererseits.

Dem liegt das Postulat zugrunde, dass empirische Begriffe von Kategorien zu unterscheiden sind und dass es, bei Strafe einer empiristisch-naturalisierenden Position, keine pur empirischen Begriffe gibt. Wir gehen, formelhaft und in der Sache mit Kant, davon aus, dass jeder empirische Begriff kategorial formatiert ist. Insofern gilt dann insbesondere, dass jeder sozialempirische Begriff gesellschaftstheoretisch formatiert ist.

Die Metapher der Formatiertheit will dabei, mit Kant und Hegel gegen den Kantianismus und gegen den Nominalismus, darauf hinaus, dass Kategorien logisch nicht vor (im wörtlichen Sinne „apriorisch“) oder nach den Begriffen, sondern mit ihnen („gleichursprünglich“, „ko-existential“) gegeben sind. Genau so, wie ich diesen Abschnitt hier im PC nicht derart schreibe, dass ich erst die puren Buchstaben in die Tastatur eingebe, um den vermeintlich noch ganz unformatierten Buchstaben dann, logisch sekundär, eine Schrifttype, einen Schriftgrad, einen Zeichenabstand etc. zuzuordnen – vielmehr schreibe ich je schon in einer Default-Formatvorlage (z.B. „Standard“ in Normal.dot) –, genau so hat eine sozialwissenschaftliche Theorie nicht erst ihre Begriffe, die sie dann, logisch sekundär, gesellschaftstheoretisch interpretieren könnte/sollte/müsste, sondern die von ihr gebildeten empirischen Begriffe sind je schon gesellschaftstheoretisch formatiert. Niemand zwingt mich, diesen Absatz in Times New Roman zu schreiben – ich könnte meine Default-Formatvorlage ändern, wenn ich es denn wollte –, aber ich habe nicht die Freiheit, zuerst in gar keiner Schrifttype zu schreiben, um mir später zu überlegen, was mein „Eigendünkel“ (Hegel) wohl gerade mag.

Es gibt daher keinen Grund zur Besorgnis: Eine Gesellschaftstheorie schreibt einer sozialwissenschaftlichen Theorie nichts vor, sondern ist deren ­»Reflexion, d.h. eine Rück-Beugung auf das, was diese empirische Theorie kategorial bereits in Gebrauch genommen hat, um eben diese, nicht aber jene, empirische Theorie zu sein.

Begründung dieser Unterscheidung

Die Begründung ist ersichtlich eine doppelte:

Zum einen ist die Unterscheidung sozialwissenschaftliche Begriffe / gesellschaftstheoretische Kategorien nur ein Beispiel einer allgemeineren wissenstheoretischen („epistemologischen“) Position. In Anspruch genommen ist hier eine im weiten Sinne transzendentalphilosophische resp. kritische Philosophie, die strikt zwischen Genese und Geltung unterscheidet und beides nicht aufeinander reduziert. Kategoriale Formatiertheit ist das Gegenparadigma zur Naturalisierung von Geltung resp. Bedeutung. Allerdings ist es nicht so, dass ein Apriorismus, also eine im engeren Sinne transzendentalphilosophische Position, die einzig mögliche Alternative zur Naturalisierung von Geltung ist. Kategoriale Formatiertheit ist vielmehr innerhalb von kritischen Philosophie-Konzepten das Gegenkonzept gegen Apriorismen, denn es konzipiert die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung ihrerseits als logisch bedingt, nicht aber als unbedingt („ab-solut“). Eine empirische Diskursanalyse ist freilich keine kritische Philosophie (mehr), sondern lediglich eine Naturalisierung zweiter Stufe, insofern sie die Notwendigkeit von Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung höchstens verbal akzeptiert, diese dann aber auf zweiter Stufe historisiert, psychologisiert oder soziologisiert.

Zum anderen aber ist die Unterscheidung von Wissenschaft des Sozialen und Gesellschaftstheorie nicht nur ein Beispiel einer allgemeineren, wissenslogischen Einsicht, sondern auch auf ihrer eigenen Ebene materialiter geboten. Auf der Basis ganz unterschiedlicher Theorien – Marx, Uexküll, Luhmann – scheint es anachronistisch zu sein, einen Zusammenhang sozialer Akteure als pures Beieinander, als eine pure Ansammlung von atomistisch gedachten Individuen zu begreifen. Trotz eines durchaus hegemonialen methodischen Individualismus dürfte der Sache nach ein sozialontologischer Atomismus unplausibel sein; menschliche Gemeinschaften sind vielmehr als soziale Gemeinschaften durch ein überindividuelles Moment konstituiert, mithin systemisch zu betrachten. Aus einer systemischen Betrachtung aber folgt zwingend – vgl. „Bienen ›verstehen‹ nur Bienendinge“ -, dass, z.B., das Soziale Umwelt für das Psychische ist und umgekehrt. Psychisches, das nicht in Soziales übersetzt ist, ist innerhalb des Sozialen weder existent noch wirksam.

Falls man aus diesem Befund nicht die Konsequenz einer individualistischen Konzeption des Psychischen ziehen will – Bewusstsein als Binnenerleben -, dann bedarf es eines vom Begriff des Sozialen unterschiedenen Konzepts des Gesellschaftlichen. Dann und nur dann kann man zugleich darauf beharren, dass das Psychische zur Umwelt des Sozialen gehört, also nicht selbst ein sozialer Sachverhalt ist, und auf dem zutiefst „sozialen“, d.h.: gesellschaftlichen (mit Plessner: „mitweltlichen“) Charakter alles ›Menschlichen‹, also auch des Psychischen.

Grundlegende Texte (chronologisch)

Kant, I. (KrV): Kritik der reinen Vernunft [A: 1781; B: 1787]. Hg. v. R. Schmidt. Hamburg: Meiner 1956.

Hegel, G. W. F. (WdL I-II): Wissenschaft der Logik I-II [1831-1813/16]. In: G.W.F. Hegel (HW), Bd. 5-6.

Plessner, H. (1918): Krisis der transzendentalen Wahrheit im Anfang. In: H. Plessner (GS), Bd. 1 (1980), S. 143-310.

Misch, G. (1923): Vorbericht des Herausgebers. In: Dilthey, W. (1924): Gesammelte Schriften, Bd. V: Die geistige Welt. Einleitung in die Philosophie des Lebens. Erste Hälfte. Stuttgart/ Göttingen: Teubner/ Vandenhoeck & Ruprecht 41964, S. VII-CXVII.

Plessner, H. (1928): Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. Berlin/ New York: de Gruyter 31975.

Plessner, H. (1931): Macht und menschliche Natur. Ein Versuch zur Anthropologie der geschichtlichen Weltansicht. In: H. Plessner (GS), Bd. 5 (1981), S. 135-234.

Fikus, M. & Schürmann, V. (2004a): Die Sprache der Bewegung. In: M. Fikus & V. Schürmann (Hg.) (2004): Die Sprache der Bewegung. Sportwissenschaft als Kulturwissenschaft. Bielefeld: transcript, S. 29-68.

Hegel, G. W. F. (HW): Werke: in 20 Bänden. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1986.

Plessner, H. (GS): Gesammelte Schriften. 10 Bände. Hg. v. G. Dux et al. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980-1985.

Kern-Zitat

„Nur soweit wir Personen sind, stehen wir in der Welt eines von uns unabhängigen und zugleich unseren Einwirkungen zugänglichen Seins. Infolgedessen hat es seine Richtigkeit, daß der Geist die Voraussetzung für Natur und Seele bildet. Man muß den Satz in seinen Grenzen verstehen. Geist ist nicht als Subjektivität oder Bewußtsein oder Intellekt, sondern als Wirsphäre die Voraussetzung der Konstitution einer Wirklichkeit, die wiederum nur dann Wirklichkeit darstellt und ausmacht, wenn sie auch unabhängig von den Prinzipien ihrer Konstitution in einem Bewußtseinsaspekt für sich konstituiert bleibt. Gerade mit dieser Abgekehrtheit vom Bewußtsein erfüllt sie das Gesetz der exzentrischen Sphäre.“ (Plessner 1928, 304 [= GS IV, 378])

(Politische) Konsequenzen

Bei Joachim Fischer: Gleiches Anliegen, aber andere Konsequenz: Bürgerliche Gesellschaft statt Moderne.
„Innerhalb der Allgemeinen Soziologie ist es hilfreich, zwischen Sozialtheorie und Gesellschaftstheorie zu unterscheiden: Die Theorie des Sozialen antwortet auf die Frage, wie Sozialität überhaupt funktioniert, die Theorie der Gesellschaft auf die Frage: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?

Thema des Arbeits- und Forschungsvorhabens [Gesellschaftstheorie und Gegenwartdiagnostik] ist die adäquate Theorie der Gesellschaft, die Theorie der gegenwärtigen Gesamtgesellschaft. Der Gesellschaftsbegriff der soziologischen Gegenwartsdiagnostik scheint derzeit in Postmoderne-, Multikultur-, Medien-, Risiko-, Wissens-, Erlebnis-, Verantwortungs-, Konsum- etc.-Gesellschaft zerfasert. Gegenüber diesen ›Wimmelbegriffen‹ der soziologischen Gegenwartsdiagnostik soll geprüft werden, ob und aus welchen Gründen nach wie vor bürgerliche Gesellschaft das stabile, schlüssige Konzept einer Soziologie der gegenwärtigen Moderne bilden könnte.“

(Joachim Fischer, Projekt Gesellschaftstheorie | Gegenwarstdiagnostik, abgerufen am 4.2.2012)

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