Weiterdenken mit Carolin Emcke

In einem Gastkommentar in der SZ (vom 17./18.3.2018) schrieb Carolin Emcke: »Ich glaube nicht an die Parallelität von Werk und Person« – ja, aber: Notwendig ist ein Prüfauftrag.

Es ist ein Gastkommentar (»Vorbei«) aus Anlass der Entlassung von James Levine als Dirigent und musikalischem Direktor der Metropolitan Opera in New York. Im ersten Teil nimmt Carolin Emcke unmissverständlich Stellung, und die SZ hat es genauso unmissverständlich zusammengefasst: »James Levine missbrauchte junge Menschen sexuell und unterwarf sie seiner Herrschaft. Das ist ekelhaft.« Und nun zum Glück vorbei. Dem ist nichts hinzuzufügen – außer der brutalen Notwendigkeit, diesen ersten Teil des Kommentars von Emcke immer wieder einmal lesen zu müssen, weil man sonst dazu neigen könnte, es nicht für möglich zu halten, was da passiert ist.
In einem Übergangsteil stellt Carolin Emcke dann die ätzende Nachfrage: »Und das will niemand bemerkt haben?« Und sie gibt selbst die gute Antwort: »Gerüchte bleiben Gerüchte, wenn niemand ihnen nachgeht.«
Im letzten Teil fragt sie dann sich und uns, ob wir nun aufhören müssen, Levines Musik zu hören und ob wir seine CDs nun aus dem Regal räumen müssen. Sie antwortet darauf mit der zitierten Nicht-Parallelität von Werk und Person. – So schwer es im Einzelfall auch sein mag: Ich denke, dass man diesem Glauben beitreten muss. Ja mehr noch: Es gibt zahllose Zusammenhänge, in denen man aktiv für diesen Glauben eintreten muss (ok, »Niemand muss müssen«, Lessing). Ich wechsel aus Kompetenzgründen das Fach und die Beispiele: Dürfen wir Heidegger nicht mehr lesen? Dürfen wir Carl Schmitt nicht mehr lesen? Es gibt Zusammenhänge, in denen man gleichsam zur persona non grata wird, wenn man solche Autoren weiterhin liest. Es sind solche Zusammenhänge, in denen man offensiv für jenen Glauben streiten muss: Es gibt keine Parallelität von Werk und Person, jedenfalls keine »automatische«, wie Emcke im nächsten Halbsatz hinzufügt.
Es ist eben dieser Zusatz, der essentiell ist für jenen Glauben. Er gehört in den zitierten Glaubenssatz mit hinein, und nicht als Zusatz erst in den nächsten Halbsatz.
Es gibt Zusammenhänge, in denen offensiv und aktiv die »Unschuld« der Texte von Heidegger und Schmitt propagiert wird, weil(!) es schließlich keine Parallelität von Werk und Person gebe. Das ist genauso fatal wie es fatal ist, diese Texte in den Giftschrank zu stellen. Aus dem, was Emcke »ethisches Vergehen« nennt (Nebenschauplatz: Sexueller Missbrauch, offene Unterstützung des Nationalsozialismus als Bruch mit einer »Ethik«??), folgt keine »Sippenhaft des Werks«, das ist wohl wahr. Aber genauso wenig folgt eine automatische Unschuld – hier wird das Bild der Parallelität schief.
Ob und was das in Bezug auf die Musik von Levine heißt, kann ich nicht beurteilen. Mathematik und Musik sind sozusagen die harten Fälle: Kann man die Praxis ekelhaften Entwürdigens einer Person in dessen Musik tatsächlich hören? Bei Text-Werken jedenfalls ist das der alles entscheidende Auftrag. Krockow hat es vor langer Zeit schon vorgeführt: Das existentialistische Theorem des reinen Dass der Entscheidung ist das Entsprechungsstück in den Texten von Heidegger und Schmitt zu deren offenen Unterstützungen von Nationalsozialismus, Führerkult und elitärer Abwertung einer vermeintlichen Uneigentlichkeit des Man.
Debattenbeiträge im Sinne von Krockow sind leider viel zu selten, und noch viel seltener von Wirkung im Streit um das Verhältnis von Person und Werk. Carolin Emcke schließt ihren Beitrag mit offen bekundetem Unbehagen, das sie nunmehr als basso continuo beim Hören der Musik von Levine begleiten wird. Hier weiterzudenken heißt, diesen basso continuo aus einem privaten Unbehagen herauszuholen und zu einer Werkanalyse zu verdichten – glaube ich.

Advertisements

Über vschuer

Professur für Philosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln
Dieser Beitrag wurde unter Person, Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Weiterdenken mit Carolin Emcke

  1. SolidaritätnurbeiSachendieichnichtmag schreibt:

    Hach, ja:
    Und irgendwann sitzen alle Beteiligten, nebst erwähnter Gaskommentarorin, gemütlich und ganz herrlich selbstsicher beisammen und schauen gemeinsam – natürlich „misstrauisch“ – „Der letzte Tango in Paris“. (Die Tür zu allen möglichen und unmöglichen Vergleichen wurde ja aufgestossen, ich geh da jetzt mal durch)

    Die „berühmte“ Szene und das Wissen darum finden dann alle einhellig ganz ehrlich und ganz doll schlimm und schon voll eklig aber das Werk! Das Werk! Das strahlt halt. Man darf doch wohl noch (sich etwas nicht „nehmen lassen“).

    Na immerhin scheint eines sich zu offenbaren:
    Dieses allseits bekannte „ich bin ja nicht / ich will ja nicht / ich find das schlecht … ABER“ scheint von den PhilosphInnen zu stammen.

    Herzlichen Glückwunsch.

    Ach, ja – hashtag metoo nicht vergessen.Denkt an Reichweite! Die Reichweite!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s