Eigenes 2017_1

Vom 24.-27. September 2017 fand an der Humboldt-Universität zu Berlin der XXIV. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Philosophie unter dem Titel ›Norm und Natur‹ statt. Unter anderem fand ein Kolloquium zum Thema ›Körper, Leiblichkeit und Normativität‹ statt, das Thomas Bedorf (Hagen) organisiert hat. Auf seine Einladung hin gab es drei Kurzvorträge von Christian Grüny (Witten-Herdecke), Petra Gehring (Darmstadt) und von mir mit anschließender gemeinsamer Diskussion.

Ich dokumentiere hier meinen Vortrag (-›pdf).

Der Vortrag hatte zwei Teile. Zunächst habe ich sieben Argumentationsschritte angegeben zum Zusammenhang von Körper-Leiblichkeit und Normativität. Ich habe zusammengefasst, was ich zuletzt andernorts ausführlicher und in unterschiedlicher Perspektive herausgestellt hatte – dass es eine dritte Größe braucht, nämlich Personalität, um das Verhältnis der Körper-Leib-Differenz zur Normativität zu bestimmen, und dass man dann sagen kann und muss, dass bei Strafe von Kontingenzexorzismus Personalität nicht(!) durch die Körper-Leib-Differenz konstituiert ist, dass man aber aus normativen Gründen die These verteidigen kann (und sollte), dass Personalität an die Körper-Leib-Differenz „gebunden“ ist. Gebunden zu sein ist logisch weniger als konstituiert zu sein, aber logisch mehr, als bloß willkürlich zugeschrieben zu sein. In diesem Sinne der Gebundenheit gibt es dann nur leibhaftige Personen.
Im zweiten Teil gab es eine kurze vierschrittige Reflexion darauf, warum ausgerechnet Personalität resp. der gesellschaftliche Status der Würdigen jenes dritte Moment der Vermittlung von Körper-Leiblichkeit und Normativität sein sollte. Es ist eine Hommage an die Errungenschaft der Bürgerlichen Revolutionen, die am Tag nach dem Wahlerfolg der AfD eine bittere Note von Aktualität hatte.

Als Kurzversion hier die beiden orientierenden Thesen und die vier Schritte des zweiten Teils des Vortrags:
These 1: Um die Frage des Zusammenhangs der Körper-Leib-Differenz und Normativität zu klären, ist ein Drittes notwendig: Personalität. Was und wer als Person gilt, ist ohne normativen Wetteinsatz nicht zu bestimmen. Dass Personen leibhaftig, also an die Körper-Leib-Differenz gebunden sind, ist nicht selbstverständlich, aber aus normativen Gründen zu verteidigen.
These 2: Dass dieses notwendige Dritte gerade Personalität ist, ist Ausdruck dessen, dass jede aktuelle Zeitdiagnose zur Leibeskultur (Biomacht, Körpertechnologisierung, Selbstsorge etc.) notwendig durch eine (umstrittene) Grundannahme formatiert ist, was den Grundcharakter moderner Gesellschaften ausmacht. Der Verweis auf Personalität ist die Aufforderung, diese Grundannahme explizit und damit diskutierbar zu machen.

Teil II: Reflexion

Warum Personalität? Warum Würde? Verortung in der Moderne
1. Die Bürgerlichen Revolutionen waren politische Revolutionen, d.h. Revolutionen der Ordnung der Polis, der Gesellschaft. Bürgerliche Revolutionen haben umgestellt vom Recht des Stärkeren auf Rechtsstaatlichkeit: auf den Schutz der Gleichheit der Rechte Aller im Medium der Staatsbürgerschaftlichkeit – des sich wechselseitigen Anerkennens als Person gleicher Rechte.
2. Wie uns Anarchisten und Kommunisten gelehrt haben, waren es bloß politische Revolutionen, die nicht nur nichts daran geändert haben, weiter eine Herrschaftsform zu sein (sei es des Staates, so die Anarchisten; sei es einer Klasse, so die Kommunisten), sondern zudem diese Herrschaftsform durch die Umstellung auf Vermitteltheit zusätzlich verschleiert haben. Ich erinnere daran, worin Marx und Stirner einig waren:
»Der Mensch wurde daher nicht von der Religion befreit, er erhielt die Religionsfreiheit. Er wurde nicht vom Eigenthum befreit. Er erhielt die Freiheit des Eigenthums. Er wurde nicht von dem Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbfreiheit.« (Marx 1844, MEW 1: 369)
»Politische Freiheit sagt dies, dass die Polis, der Staat, frei ist, Religionsfreiheit dies, dass die Religion frei ist, wie Gewissensfreiheit dies bedeutet, dass das Gewissen frei ist; also nicht, dass Ich vom Staate, von der Religion, vom Gewissen frei, oder dass ich sie los bin.« (Stirner 1844: 115)
3. Wie uns historische Erfahrung gelehrt hat, steht diese Meta-Kritik in der Gefahr, die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution des Politischen klein zu reden und verächtlich zu machen und dadurch zu zermürben, oder als Formel: die Rechtsstaatlichkeit zu »verlachen« (Somek). In beinahe allen Varianten zeichnete sich solche Meta-Kritik durch einen schlechten Begriff von Herrschaft aus, nämlich: deterministische Herrschaft mit dem Paradebeispiel des Ökonomismus; zudem handelt es sich in aller Regel um den spätestens mit Foucault anachronistischen Versuch, Machtfragen auf Herrschaftsfragen zu reduzieren.
4. Wie uns alltägliche Erfahrung lehrt, kann die berechtigte Kritik an jener Meta-Kritik der Bürgerlichen Revolutionen das Kind mit dem Bade ausschütten. Basis-Überbau-Fragen können dann als vermeintlich obsolet gar nicht mehr erst formuliert, geschweige beantwortet werden. Aber der Marxsche Stachel bleibt: Die Analyse von »(Bio-)Macht« verbleibt in der Sphäre der Zirkulation und kratzt als bloße Deskription erst gar nicht an der Sphäre der Produktion.

Marx, Karl (1844): Zur Judenfrage. In: K. Marx; F. Engels (MEW): Marx-Engels-Werke. Berlin: Dietz, Bd. 1 (1983), 347-377.
Stirner, Max (1844): Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlich kommentierte Studienausgabe. Hg. v. Bernd Kast. Freiburg/ München: Alber 2009.

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Über vschuer

Professur für Philosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln
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2 Antworten zu Eigenes 2017_1

  1. Lisa Rosa schreibt:

    gibt’s das PDF mit dem ganzen Vortrag auch hier?

  2. Lisa Rosa schreibt:

    ah, jetzt funktioniert’s

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