DFB: Julius Hirsch Preis

Gestern fand in Köln nicht nur, wie jedermann in der Republik weiß, ein wichtiges Qualifikationsländerspiel der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft statt. Vorher, am Nachmittag, fand auch, wie nicht jeder weiß, die Feier zur Verleihung des Julius Hirsch Preises durch den DFB statt. Julius Hirsch, geb. 1892, war einer der populärsten Nationalspieler vor dem 1. Weltkrieg; neben Gottfried Fuchs war er einer von zwei jüdischen Spielern in der Geschichte der deutschen Fußballnationalmannschaft. 1943 wurde Hirsch nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht.
Mit dem Preis zeichnet der DFB jetzt zum neunten Mal Personen, Vereine, Initiativen aus, die „sich öffentlich für Demokratie und Menschenwürde, gegen Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung und Gewalt einsetzen“ (DFB, Einladung). In diesem Jahr wurden der SC Heuchelhof (3. Platz) und der 1.FC Nürnberg & die Ultras Nürnberg (2. Platz) ausgezeichnet; der 1. Platz ging mit dem SJC Hövelriege (Kreis Paderborn) an einen insgesamt bemerkenswerten Verein – sie haben als Fußballverein eine eigene Schreinerwerkstatt, die zur Mitarbeit einlädt – für ein Projekt, das seit vielen Jahren der deutsch-griechischen Verständigung dient. Als nun in Zeiten der Euro-Krise und des allgemeinen Griechen-Bashing in Griechenland auch Fotos von Merkel mit Hitler-Bärtchen zu sehen war, war dies beim SJC Hövelriege Anlass genug, sich mit der deutschen Geschichte in Griechenland zu beschäftigen. Es entstand ein Projekt, das die Teilnehmenden zu den Gedenkstätten in den griechischen Orten Kalvrita und Distormo führte. Dort war es 1943 und 1944 zu Massakern durch die deutsche Wehrmacht und die SS gekommen. Es kam zu Begegnungen mit überlebenden Frauen – all ihre Männer waren hingerichtet worden –, und diese Erfahrungen wurden, zurück in Deutschland, in einem ansprechenden Theaterstück aufgearbeitet, mit dem sie jetzt auch Gastspiele geben, wenn sie dazu – wie jetzt vom SC Heuchelhof – eingeladen werden.
Die Laudatio hielt deshalb eine Schauspielerin, und zwar Iris Berben. Wer sie nur für eine himmlische Tochter hält, lebt in der Vergangenheit. Ihre Lobrede war durchweg warmherzig und bemerkenswert deutlich – mit zwei kleinen, fast unscheinbaren Highlights. In die Liste der von den Nationalsozialisten Verfolgten und Ermordeten nahm sie unaufgeregt und wie selbstverständlich auch die mit auf, die in dieser Auflistung sonst oft selbstverständlich fehlen: die Kommunisten. Und sie mokierte sich nicht nur nicht über 68er Weichei-Pädagogik, sondern fühlte sich angesichts der Vereinskultur des SJC Hövelriege fast auf das Schönste an die Umsetzung der pädagogischen Vorstellungen der 70er Jahre erinnert.
Den Ehrenpreis erhielt Ronny Blaschke. Er ist freier Journalist und „interessiert sich für die politischen Hintergründe des Sports“ – einer, der den Fußball seit Jahren mit seinen Reportagen, Vorträgen, Berichten zu Gewalt, Neo-Nazis und Rassismus in den Fußball-Stadien begleitet, ›geschult‹ durch eigene Verbundenheit mit der Fan-Kultur des FC Hansa Rostock, bis heute ein spezieller Fall von Fan-Kultur. Zum Bemerkenswertesten seines viel zu wenig präsenten Journalismus gehört, dass er reflexiv ist. Es geht Blaschke sicher primär um eben das, was er mit seinen Reportagen auch an Schattenseiten des ach so glänzenden Fußballs darstellt. Aber er thematisiert immer auch mit, wie der alltägliche Journalismus mit diesen Schatten-Phänomenen umgeht resp. in der Regel nicht umgeht.
Dass jemand wie Ronny Blaschke diesen Preis verliehen bekommt, ist der letzte Beleg für die Sinnhaftigkeit dieses Preises. Es ist gut, dass der DFB ihn vergibt – und dies ist, bei aller Symbolik, besser, als ihn nicht zu vergeben. Gleichwohl bleibt es eine Gratwanderung. In der abendlichen 20-h-Tagesschau wurde selbstverständlich die ›Nachricht‹ verbreitet, die jeder und jede eh schon kannte: Dass die DFB-Auswahl am Abend ihr ach so wichtiges Qualifikationsspiel austrage, in dem sie sich bereits die Teilnahme an der WM 2014 sichern könne – und, viel wichtiger für die Tagesschau, dass dieses Spiel auch in der ARD übertragen wird. – Verleihung des Julius Hirsch Preises durch den DFB am selben Nachmittag: eine Meldung in der Tagesschau? Fehlanzeige!
Und auch noch in Bezug auf den DFB selbst ist der Verdacht nicht völlig aus der Luft gegriffen, dass es sich um eine Alibi-Veranstaltung handeln könnte. Am Nachmittag wurde die Erinnerungskultur beschworen – immer wieder, und jetzt schon zum neunten Mal, kenntlich machen zu wollen, dass… Aber keineswegs musste der DFB-Präsident Niersbach aus gleich guten Gründen immer wieder aussprechen – am Nachmittag eben gar nicht –, was ein wesentlicher Grund dieser Preisverleihung ist: Dass es ganz gewiss die nationalsozialistische Maschinerie war, die Julius Hirsch in Auschwitz ermordet hat; dass dies aber mit wesentlicher Unterstützung des damaligen DFB geschah, der sich sehr früh 1933 bemüßigt sah, seine jüdischen Mitglieder aus den DFB-Vereinen zu entsorgen. Und, richtig, die Erinnerungskultur dient dazu, in der Gegenwart hellwach zu sein und ggf. Zivilcourage zu zeigen. Niersbach aber sieht eine Bedrohung unserer Demokratie und, vor allem, unseres schönen Fußballs, ausschließlich von Seiten einer kleinen, aber gefährlichen Minderheit gegeben. Hier beginnt die Augenwischerei. Am Abend vorher berichtete Panorama über eindringliche Beispiele braver deutscher Bürger, die selbstverständlich möchten, dass den Flüchtlingen geholfen wird – die aber sofort Gegeninitiativen ergreifen, wenn das Flüchtlingswohnheim gegenüber vom eigenen Gartenzaun eingerichtet wird.

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Über vschuer

Professur für Philosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln
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Eine Antwort zu DFB: Julius Hirsch Preis

  1. Lisa Rosa schreibt:

    Neulich war ich das erste Mal in meinem Leben in einem Fußballstadion
    http://www.fcstpauli8.de/solispiel-lampedusa-fluchtlinge/

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