Wie geht öffentliches Philosophieren

Aus Anlass der phil.cologne:

  • Ist die phil.cologne, bei allen Problemen, eher zu begrüßen, weil sie Philosophie öffentlich macht? Oder ist sie eher zu kritisieren, weil eine Festivalisierung das Philosophische kaputt macht?
  • Was überhaupt ist das Philosophische an öffentlichen (politischen) Stellungnahmen (aus Anlass einer Deutschlandfunk[dlf]-Nachricht)?
  • Was ist und wie geht öffentliches Philosophieren?

Vom 26.-30.6.2013 fand in Köln erstmalig die phil.cologne statt – die kleine Schwester der überaus etablierten lit.cologne. Es war der Versuch des öffentlichen Philosophierens. „Grundidee ist, die Philosophie in die Mitte der Gesellschaft zu rücken und somit der allgemeinen und zusehends stärker werdenden Lust an philosophischen Fragen zu begegnen.“

Die Kommentare in der SZ taten sich schwer und schickten folglich doublebind-Botschaften: Irgendwie schon ganz richtig, dass die Philosophie sich zeigt – aber ist das denn dann so noch Philosophie? – Der Kommentar in der FAZ war eindeutig: Die Philosophie bittet zum öffentlichen Festival, sie hat sich Talkshowkompatibilität zugelegt. Ihr hervorstechendstes Merkmal ist „ihre Obsession mit dem Lebensweltlichen. Es muss heute über alles philosophiert werden, wenn es nur greifbar genug ist.“ Verloren gegangen sei die Nach-Denklichkeit: „Wer will auch noch Systeme entwerfen, aus denen erst deduziert werden müsste, was man hier fröhlich voraussetzt? Wer will noch à la Hegel die Wirklichkeit schelten, wenn sie ins System nicht passen will?“ (Oliver Jungen, FAZ v. 29.6.2013, S. 34)

Ich bin entschieden der Ansicht, dass die akademische Philosophie zu wenig öffentliche Präsenz zeigt (auch deshalb ja dieser blog). Aber auch ich weiß nicht recht, wie das denn (heute) geht. Philosophie ist als Philosophie nicht zu haben, wenn sie nur die Ergebnisse ihres Nachdenkens präsentiert. Philosophie muss als Philosophie den Weg transparent und damit streitbar machen, der erst die Ergebnisse zu diesen Ergebnissen gemacht hat. Deshalb ist Philosophie weitgehend talkshow- und festivalinkompatibel.

Man muss sich vielleicht immer mal wieder ein pures Ergebnis des aristotelischen Nachdenkens auf der Zunge zergehen lassen:

„Auch gehört es zum Tyrannenregiment, daß […] das Volk über der Sorge für den täglichen Bedarf zu Zettelungen [Verschwörungen] keine Muße behält.“

Muße ist für Aristoteles der gesellschaftliche Ort der Selbstvergewisserung – der Ort des öffentlichen Streits, nicht um das Ausmaß von Steuererhöhungen oder Steuersenkungen, sondern um das Prinzip dessen, warum überhaupt Steuern erhoben werden, wofür das gut sein soll, und wie man die konkreten Maßnahmen der Steuerpolitik an diesem Maßstab messen kann und soll.

Wenn der Ort der Muße in Gesellschaften entfällt, dann funktionieren wir nur noch, hart an der Dressur. Die heutige Herrschaftstechnologie liegt genau darin, die ehemaligen Orte der Muße [= des Politischen = des Streits um die Prinzipien konkreter Politik] in Festival- und Eventkultur zu kleiden, um die leichte Kost der Meinungen schon für einen Streit um die schwerere Kost der Maßstäbe für Meinungen zu halten.

Der dlf meldete in seinen Nachrichten, dass Frank Walter Steinmeier den Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich „scharf“ kritisiert habe. Steinmeier sei „fassungslos“. Erst werfe Friedrich den Kritikern der Abhöraktionen und Datenspeicherungen der US-Geheimdienste Anti-Amerikanismus vor – jetzt fliege er selbst in die USA, um sich persönlich zu informieren. Das zeuge von „Unsicherheit“ und fehlender „Trittfestigkeit“ (dlf, Freitag, 5.7.13, 8.00 h). – Was soll man dazu sagen?

Das ist entweder eine üble Verzerrung seitens des dlf, oder eine unsägliche politische Dummheit von Steinmeier. Ich habe mir nicht die Mühe gegeben zu recherchieren, was Steinmeier tatsächlich gesagt hat – mich interessiert diese Stellungnahme. Nehmen wir an, sie hätte es so von irgendwem, nennen wir in FWS*, tatsächlich gegeben. – Was daran ist philosophisch zu kritisieren?

Philosophisch ist nicht, ob bzw. was man an Friedrich kritisiert oder an seiner Amtsführung lobt. Hier braucht es gesunden Menschenverstand, gute Informationen, Urteilsfähigkeit und eine politische Haltung, die sich dann in der Art der Kritik oder des Lobes zeigt. Sich an dieser Stelle philosophisch einzumischen, verwechselt etwas Grundlegendes – das wäre in etwa analog dazu, dass man die Physik ›philosophisch‹ für die Ergebnisse ihrer Experimente kritisiert. Um den sachlichen Gehalt politischer Stellungnahmen zu beurteilen, braucht es Bürgerinnensinn und ggf. politikwissenschaftliche oder sozialwissenschaftliche Kompetenz, aber keine philosophische Oberaufsicht. Philosophische Stellungnahmen in politischen Angelegenheiten können niemals direkt, sondern allenfalls indirekt zur politischen Sachlage Stellung nehmen.

Das Philosophische daran zielt stattdessen auf das Wie solcher Stellungnahmen – es ist eine Stellungnahmen zu getätigten Stellungnahmen, und nur dadurch auch selbst eine Stellungnahme in der Sache. Der Job der Philosophie ist, „über das Nachdenken nachzudenken“ (Dirk Knipphals, taz v. 6./7.7.13, S. 24)

In diesem Fall: Ganz egal, ob oder was man an Friedrich kritisiert (und ich finde, jetzt als Bürger der Bundesrepublik, nicht als gerade öffentlich Philosophierender, dass man ihn massiv kritisieren muss): die Stellungnahme von FWS* ist politisch fatal, weil sie überhaupt gar keinen politischen Gehalt kritisiert, sondern eine Kritik an der Person ist und ein zutiefst aufregendes politisches Problem psychologisiert. „Unsicherheit einer Amtsperson“ ist als politische Kategorie zutiefst anti-emanzipatorisch, weil es den politischen Gehalt gerade verschleiert – es hilft ja nicht, mit sicherer Haltung so viele Daten auszuspähen (zumal dann, wenn sich dieselben Kleingeister zuallererst über das Macho-Gehabe von „sicheren“ Amtsführungen mokieren).

Wenn man, wie ich z.B., mit der Leibesfülle und der ästhetischen Erscheinung unseres Umweltministers zu kämpfen hat, oder wenn man diese komische Kostümierung unserer Bundeskanzlerin auch nur der Erwähnung wert findet, dann braucht es mindestens so elaborierter Theorien wie Bourdieus Habitus-Konzept, um den politischen Gehalt im Habitus von Altmaier oder Merkel aufzuzeigen. Es verschleiert politische Verhältnisse zu sagen: „Ich wähle die nicht, weil ich deren Erscheinung nicht leiden kann.“ Denn dann bekommt man die Strafe, die man verdient – z.B. einen smarten Guttenberg.

Will sagen: Philosophisch-politische Stellungnahmen sind nicht die im Gehalt besseren Stellungnahmen zur Sache, sondern sie sind gar keine direkten Stellungnahmen zur Sache – um gute Bürgerin zu sein, braucht es keine philosophische Ausbildung. Philosophisch-politische Stellungnahmen sind Stellungnahmen zu politischen Stellungnahmen, die Stellung nehmen zum Wie dieser Stellungnahmen – wie sie begründet sind, wie sie argumentieren, was sie vergessen oder verschweigen etc. –, und (nur) dadurch dann auch Stellungnamen zur Sache.

Ich stieß jetzt auf einen alten Satz von Jacobi:
„Alle Vorurtheile ablegen, heißt alle Grundsätze ablegen. Wer keine Grundsätze hat, wird theoretisch und praktisch durch Einfälle regiert.“ (zit.n.: O. Koch: Individualität als Fundamentalgefühl. Hamburg: Meiner2013, S. 117, FN)
NB: Es ist ein logischer Fehler, wenn man daraus macht: Wer Vorurteile hat, der hat Grundsätze.

Man kann das alles auch wortspielerisch sagen:

Nach-Denken ist Ausdenken – aber nicht in dem Sinne, den man beim ersten Hören damit verbindet.
Nach-Denken ist aus- und zuendedenken dessen, was man da so denkt.
Und das wiederum geht nur öffentlich, denn wenn man in diesem Sinne privat, nur für sich ausdenkt, dann wird es ein Grübeln, weil man, allein für sich, beim Nachdenken an kein Ende kommt, denn dann fällt einem immer noch etwas ein, was noch nicht hinreichend bedacht ist.
Nach-Denken als zu Ende denken, als konsequentes Denken ist öffentliches Heischen um Widerspruch.

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Über vschuer

Professur für Philosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln
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Eine Antwort zu Wie geht öffentliches Philosophieren

  1. SJohnen schreibt:

    Ich stimme dem Gesagten voll zu. Mir fehlt gegen Ende des Beitrags ein wenig der Bogen zurück zur phil.cologne. Die Anschlussfrage wäre dann, wie schafft man es das Nachdenken über das Nachdenken bzw. über den Weg der Ergebnisfindung öffentlich sexy zu machen, ohne wieder – im Rahmen einer bloßen Eventisierung – zurück in die Ergebniskritik zu fallen. Mein erster Vorschlag wäre es, Margot Käßmann sich nicht auch noch als Philosophin ausgeben zu lassen. Das ist aber freilich eine sehr subjektive Meinung. Die generellen Probleme des Vorhabens werden im Beitrag auch deutlich. Allgemein hapert es an einer Öffentlichkeit, die Lust auf die Mühen des Nachdenkens hat und sich stattdessen lieber tagelang mit Pep Guardiola beschäftigt, was freilich auch spannend sein kann. Gegenüber diesem Eindruck ist aber auch festzustellen, dass das Interesse am ‚Philosophieren‘ über Themen, die einen wirklich was angehen, zunehmen. Hier müsste sich dann auch die Philosophie als Nachdenken über den Weg der Ergebnisfindung präsentieren. Während es im wissenschaftlichen Kontext darum gehen muss, die Theoriebildung voranzutreiben, sollte meiner Meinung nach in der Öffentlichkeit der Fokus stärker auf den Anwendungsbezug der Theoriebildung an populären Themen geachtet werden. Es muss für die Wünsche, die Hoffnungen, die Ängste und auch für das Handeln der Menschen einen Unterschied machen, die täglichen und außeralltäglichen Dinge im Lichte einer umfassenderen Theorie zu sehen. Wie man sich die Zeit dafür nimmt, die Bedeutsamkeit der Theorie umfassend zu erklären und wie das Ganze dann aufgenommen wird, zumal wenn es zwischen durch keinen Puller-Alarm gibt, steht dabei wiederum auf einem anderen Blatt.

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