Individualität | Die Monadologie von Leibniz

Die Monadologie von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) ist [für mich, na klar; in anderer Perspektive mag das anders sein – s. About]
die Philosophie der Individualität.

Nun ist dies eine vormoderne Philosophie. Gott war noch nicht tot, und deshalb standen auch Individuen noch nicht allein auf ihren eigenen zwei Beinen. Was heißt das für diese Philosophie der Individualität?

Ist es möglich, die ganze Monadologie in die Moderne zu transponieren? Oder bleibt nur ein bisschen Leibniz, oder auch gar nichts von ihm übrig, nachdem Gott gestorben ist? – Ich versuche es mit Ludwig Feuerbach (1804-1872).

Monaden sind individuelle Substanzen

Dass Monaden individuelle Substanzen sind, lässt zwei Betonungen zu. Die eine ist wichtig, um die Besonderheit der Monadologie in der damaligen Zeit zu verstehen; die andere ist nötig, um sie in heutiger Zeit nicht von vornherein misszuverstehen.

i) In der Monadologie sind die Substanzen individuell. – Dies geht gegen einen Großteil der Tradition. Die Kategorie der Substanz ist nötig, um anzugeben, worüber wir jeweils gerade reden. Das kann aber, so die sehr plausible Überzeugung der Tradition, nichts strikt Individuelles sein. Wenn wir über Giraffen reden (wollen), dann reden wir über lange Hälse. Aber für die Langhalsigkeit des Giraffeseins ist es unerheblich, ob der Hals jener individuellen Giraffe dort wohl 5 cm kürzer oder länger ist als der Hals von dieser individuellen Giraffe hier. Falls die Unterschiede zu groß werden, dann führen wir möglicherweise verschiedene Arten von Giraffen ein – aber jede Rede über Giraffen wäre sabotiert, wenn wir für jede einzelne konkrete Giraffe eine eigene Giraffenart einführen würden, weil die Individualitäten doch ach so wichtig und entscheidend seien. – Substanz durfte daher gar nichts Individuelles meinen, sondern musste auf etwas Allgemeines verweisen – entweder auf das, was viele Einzelne gemeinsam haben, oder auf das, was sich bei einem Individuum bei all dessen Veränderungen als gleichbleibend erweist, um berechtigt von diesem Individuum zu sprechen (ich bin immer noch ich, auch wenn meine Haare immer grauer werden – wenn wir also über mich reden wollen, muss mit „Ich“ etwas Allgemeines gemeint sein, also etwas anderes als die konkrete singuläre Individualität, die ich jetzt schon nicht mehr bin, wenn ich diesen Satz zu Ende geschrieben habe). – Mit sehr plausiblen Gründen konnte es daher traditionell keine Wissenschaft vom Individuellen geben.

Und das wiederum ist aus anderen, ebenfalls sehr plausiblen Gründen arg kontraintuitiv, denn man möchte doch gelegentlich tatsächlich sagen, dass es dieses konkrete Individuum dort gerade ausmacht, seine Haare heute so, und morgen auch wieder anders zu färben. – Dass in der Monadologie die Substanzen individuell sind, ist ein Bruch mit jener Tradition und ein essentieller Beitrag auf dem Wege zu einer Wissenschaft vom Individuellen.

ii) In der Monadologie sind die Individuen substantiell. – Dies zu sagen, ist heutzutage schwer verständlich. Weil die Kategorie der Substanz sich traditionell auf Allgemeines bezog – z.B. auf die Langhalsigkeit des Giraffeseins, oder auf ein unveränderbares Ich -, und weil das scheinbar notgedrungen zu fixen, sog. metaphysischen Entitäten führt – die platonistischen Ideen hinter der konkreten Welt -, deshalb steht der Gebrauch von „Substanz“ und von „substantiell“ heutzutage unter Generalverdacht. Die Rede von „Substanz“ wird gleichgesetzt mit „Substanzontologie“, und deshalb geht sie gegen die intellektuelle correctness. Man darf so nicht mehr reden, wenn man intellektuell in der Gegenwart angekommen sein will – und was daran unhintergehbar einfach korrekt ist, dass kann man am Besten in Cassirers Buch Substanzbegriff und Funktionsbegriff von 1910 nachlesen. – Gleichwohl ist der Generalverdacht gegen jede Rede von Substantialität auch ein Trugschluss. Falsche Antworten erledigen noch nicht die Frage. Und in diesem Sinne ist es vielleicht sogar ein Gewinn, dass man mit Leibniz noch die Substantialität des Individuellen zu bedenken hat.

Monaden sind fensterlos

Dass Monaden fensterlos sind, hat ihnen einen schlechten Ruf eingebracht. Vermeintlich nämlich steht diese Metapher für die Abgeschlossenheit der Monaden – also dafür, dass Monaden eine Offenheit für Anderes außer ihnen weder nötig haben noch zulassen. Monaden seien autark, in sich selbst verschlossen und sich selbst genügend, so eine durchaus übliche, und so auch die sprichwörtliche Lesart.

Aber diese Lesart ist falsch. Monaden sind welthaltig, sogar in einem eminenten Sinn. Sie sind nämlich Spiegel der ganzen Welt, und mehr noch: Sie sind nur als Spiegel der Welt das, was sie sind, nämlich Monaden, also individuelle Substanzen.

Fensterlosigkeit, oder wenn man denn möchte: Abgeschlossenheit, heißt dann, dass ihre Individualität nicht auf kausaler Determiniertheit beruht. Also etwas salopp formuliert: Dass eine Monade gerade diese, und nicht jene, also bestimmte, individuelle Monade ist, ist nicht von außen bewirkt, sondern kommt ihr – auf eine noch zu klärende Weise – von sich her zu. Individualität ist ihre Eigenart, und wird ihr nicht von außen beigebracht. Schon deshalb ist ihre Individualität substantiell.

Die Individualität der Monaden kann nicht von einem besonderen, eigenen, individuellen Inhalt herrühren. Im Gegenteil. Inhaltlich gesehen sind alle Monaden identisch, denn sie alle, jede für sich, sind Spiegel der ganzen Welt. Ihre Individualität hängt vielmehr an dem Ort, von dem aus sie die Welt spiegeln. Ihr Positioniertsein macht ihre Einmaligkeit aus; die ganze Welt aus einer bestimmten Position zu spiegeln, das ist der Witz der Monadologie.

Diese Philosophie der Individualität ist damit ineins die Philosophie der Perspektivität. Die Substantialität der Monaden ist keine unbestimmte Allgemeinheit, der die konkreten Bestimmungen noch fehlen würde, und auch keine Neutralität, wie Kant dies später der Vernunft zumutet, indem er sie als Gerichtshof denkt. Perspektivität heißt vielmehr: eine bestimmte Sicht, die sich von anderen Sichten unterscheidet, weil sie positioniert ist. Aus gleichem Grund ist Individualität nicht Subjektivität, denn es ist eine bestimmte, positionierte Sicht der ganzen Welt, nicht aber eine subjektiv verkürzte oder verzerrte oder ausschnitthafte Sicht der Welt. Perspektivische Spiegelung der Welt ist für Monaden in keiner Hinsicht ein Mangel, sondern das, was sie in ihrer individuellen Substantialität ausmacht.

Ein paar Jahre später zieht Johann Martin Chladenius (1710-1759) offensiv die Konsequenzen aus dieser Perspektivität. Er weiß jedes Wissen als abhängig von einem „Sehepunkt“, und deshalb können zwei verschiedene Sichtweisen gleichermaßen wahr und dennoch verschieden sein. Chladenius setzt „Wahrheit“ in den Plural: „Allein wir wollen dieses behaupten, daß, wenn verschiedene Personen, auch nach ihrer richtigen Erkenntnis, eine Geschichte erzählen, in ihren wahren Erzählungen sich dennoch ein Unterschied befinden könne.“ (Chladenius 1742, § 308)

Was ist das Problem mit Leibniz? Gibt es überhaupt eines?

Monaden sind Spiegel der Welt. Das als solches ist nicht das Problem. Im Gegenteil. Ohne Welt wäre die Welt der Monaden ein inhaltsleeres System, ein Ensemble reiner Formen, ein Glasperlenspiel.

Das Problem ist vielmehr, dass die von den Monaden gespiegelte Welt fix, fertig und eine ist. Gott lebte noch. Leibniz zog immerhin mögliche Welten in Betracht, aber Gott wäre nicht Gott, wenn er nicht eine (natürlich die beste) geschaffen hätte. Plural sind in der Monadologie die Perspektiven der Welt, aber nicht die Welt selber.

Diesen Unterschied gilt es festzuhalten. Perspektivität ist bei Leibniz kein Mangel, nichts, was besser nicht so wäre. Subjektivität der Sicht von Welt wäre ein Mangel, eine subjektive Verkürzung. Perspektivität ist das gerade nicht, sondern Perspektivität ist das, was eine Monade ausmacht und definiert. – Gleichwohl ist Perspektivität eine endliche, eine irdische Perspektive, und hier kann die Monadologie ihre Zeit nicht überspringen und schlägt einen falsch-demütigen Ton an. Denn hier ist Perspektivität eine bloß endliche, eine bloß irdische Sicht. Die Monadologie lebt davon, dass Gott die Welt a-perspektivisch sieht. Gott sieht die Welt von außen. Er ist nicht selbst Teil der Welt und also auch nicht positioniert. – Der springende Punkt ist, dass Leibniz diese göttliche A-Perspektivität für ein Privileg hält: „Allein Gott ist vom Körper gänzlich befreit.“ (Leibniz 1714, § 72)

Kleine Nebenbemerkung: Was hier auf dem Spiel steht, ist ein Konzept von positiver Endlichkeit. Dies ist selbst in jüdisch-christlicher Tradition nicht gänzlich aussichtslos. Dazu muss man in der Figur der Gottesebenbildlichkeit den Akzent anders setzen – nämlich nicht auf das Resultat: der Mensch als Geschöpf Gottes, sondern auf den Schöpfungsakt. Dann nämlich kann man argwöhnen, dass der Mangel eher auf Seiten Gottes vor der Schöpfung liegt, will sagen: dass Gott sich den Menschen gleichsam schaffen musste, weil er sonst ohne Gegenüber, also einsam und allein wäre (vgl. Löhrer 2004, 182f.).

Hegels Urteil ist an dieser Stelle hart, lässt aber an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: „Gott ist also gleichsam die Gosse, worin alle die Widersprüche zusammenlaufen. Eine solche populäre Sammlung ist nun Leibnizens Theodizee. Da sind immer allerhand Ausreden auszuklügeln.“ (Hegel, VGPh III, HW 20, 255)

Feuerbachs Leibniz-Buch

Feuerbach sah das alles sehr klar. Er feiert Leibniz geradezu dafür, die Philosophie der Individualität und der Perspektivität zu sein. Aber er ätzt scharf gegen das genannte Problem. Es sei ein falscher Begriff von Monade – und daher ein falscher Begriff von Individualität, Perspektivität, Endlichkeit -, wenn man monadische Perspektivität an einer göttlichen A-Perspektivität messe. Die Endlichkeit des Menschen bleibt dann im Status eines Mangels – ein Konzept positiver Endlichkeit bleibt verbaut.

Die Kurzformel der Feuerbachschen Kritik lautet: Weil der Leibnizsche Gott nur Zuschauer der Welt ist, und weil die Monaden an diesem Vorbild gemessen sind, verbleiben auch die Monaden im Status des Zuschauers. Wahrhaft positioniert zu sein aber heißt, einen Körper zu haben – und körperliche Wesen sind nicht primär betrachtende, sondern primär tätige Wesen. Die Kurzformel im Original:

„Die Monade wird zwar von allem, was in der Welt vorgeht, infolge ihrer eigentümlichen Natur, die nur aus Nerven, nicht aus Fleisch und Blut besteht, affiziert und ergriffen; aber sie ist kein an Ort und Stelle sich befindender Augen- und Ohrenzeuge von den Weltbegebenheiten; ihre Teilnahme daran gleicht nur der Teilnahme des Lesers; sie ist nur aus der Ferne dabei. Bei einer Sache aber nur aus der Ferne sein, ihre Vergegenwärtigung ohne wirkliches Dasein ist eine Vorstellung. Durch diese Teilnahme wird daher die Monade auch nicht aus sich herausgerissen, nicht in dem Hausfrieden ihrer Seele gestört. Mit einem Worte – die Monade ist nicht mithandelnde Person, nur Zuschauer des Welttheaters. Und ebenhierin liegt der Hauptmangel der Monadologie.“ (Feuerbach 1837, § 12)

Die Pluralität der Welt, nicht nur der Perspektiven

Bei Bourdieu ist „Welt“ dann eine Pluralität von Feldern – und in einem Feld positioniert zu sein heißt, einen Habitus | eine Haltung zu haben.

Zur Erläuterung: Eine Haltung zu haben, meint nicht nur den Fall, eine ›gute‹ resp. eine aufrechte Haltung zu haben. Gemeint ist hier zunächst und vor allem, eine Haltung überhaupt zu haben. Genau so, wie Monaden nicht Monaden wären, wären sie nicht positioniert, genau so wenig können Wesen, die sich in Bourdieuschen Feldern bewegen, in der Lage sein, keine Haltung zu haben. Oder zugespitzt: Auch eine dackelige Haltung ist eine Haltung.

Ziel in emanzipatorischer Hinsicht ist aber wohl die Bildung der Haltung des aufrechten Ganges.

„Eben voll Gewißheit: es gibt sowenig menschliche Würde ohne Ende der Not, wie menschgemäßes Glück ohne Ende alter oder neuer Untertänigkeit. Das Beste an der Aufklärung kommt genau auf diesem Feld entgegen und macht sich, nicht wieder austreibbar, geltend. Vorliegendes Buch möchte ein so historischer wie vor allem eingedenkender Beitrag zu dem sein, was rechtens und doch noch offen ist: zu den Problemen des aufrechten Gangs. Das ist ein Juristikum eigener Art, mit fragend, fordernd gesuchter Mündigkeit beginnend, mit dem klassischen Naturrecht nicht endend.“ (Bloch 1961, 14)

Wunderbar dazu auch Somek 2011; online unter
http://www.oldenbourg-link.com/doi/abs/10.1524/dzph.2011.0035

Literaturverzeichnis

Bloch, E. (1961): Naturrecht und menschliche Würde. In: E. Bloch (GA): Gesamtausgabe. Frankfurt a.M., Bd. 6.
Bourdieu, P. (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1992.
Cassirer, E. (1910): Substanzbegriff und Funktionsbegriff. Untersuchungen über die Grundfragen der Erkenntniskritik. Darmstadt: WissBG 61990.
Chladenius, J. M. (1742): Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften. Düsseldorf 1969.
Feuerbach, L. (1837): Geschichte der neuern Philosophie. Darstellung, Entwicklung und Kritik der Leibnizschen Philosophie. In: L. Feuerbach (GW): Gesammelte Werke. Hg. v. Werner Schuffenhauer. Berlin: Akademie, Bd. 3 (³1984).
Hegel, G. W. F. (VGPh I-III): Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie I-III. In: G.W.F. Hegel (HW): Werke: in 20 Bänden. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, Bd. 18-20.
Holz, H. H. (1983): Gottfried Wilhelm Leibniz. Eine Monographie. Leipzig: reclam.
Holz, H. H. (1992): Gottfried Wilhelm Leibniy. Frankfurt a.M./ New York: Campus.
Leibniz, G. W. (1714): Die Prinzipien der Philosophie oder Die Monadologie (Übers.: Holz). In: G.W. Leibniz (PhS I): Kleine Schriften zur Metaphysik. Hg. v. Hans Heinz Holz. Darmstadt: Wiss. Buchges., 439-483.
Löhrer, G. (2004): Geteilte Würde. In: Studia Philosophica 63 (2004): Menschenwürde, 159-187.
Somek, A. (2011): Rechtsverhältnis und aufrechter Gang. Rechtsethik im zweiten Versuch. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 59 (2011) 3, 439-453.

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Über vschuer

Professur für Philosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln
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