Person | Konsequenzen

Der Person-Begriff, von dem ich hier ausgehe, hat Konsequenzen.
Das, was er leistet: Alle Menschen gelten als Person – fraglos, kategorisch, ohne Aufnahmeprüfung.
Das hat aber auch andere Auswirkungen – zum Beispiel auf das Verhältnis von Menschenrechten und Tierrechten:

  • Ich finde es richtig, dass Fliegen & Mücken bei uns keinen besonderen Schutz genießen. Ich will weiterhin reisen, und dafür nehme ich den Tod von Millionen Fliegen & Mücken in Kauf, die täglich auf bundesdeutschen Autobahnen und Gleisstrecken sterben.
  • Ich finde es richtig, dass Haustiere bei uns einen besonderen Schutz genießen. Tierquälerei ist völlig zu Recht verboten.
  • Ich finde es richtig, dass aussterbende natürliche Arten bei uns einen besonderen Schutz genießen. Völlig zu Recht gibt es einen Artenschutz.
  • Ich finde es richtig, dass Dinge, die uns besonders wertvoll sind, bei uns einen besonderen Schutz genießen. Völlig zu Recht gibt es das Weltkultur- und Weltnaturerbe, den Denkmalschutz und vieles mehr dieser Art.
  • Ich finde es richtig, dass bei uns Haustiere, aussterbende Arten, besonders wertvolle Dinge nicht den Schutz der unaustauschbaren Einmaligkeit genießen = Ich finde es richtig, dass wir Haustieren und hochgeschätzten Dingen keine Würde zusprechen. Es ist richtig, dass Tierquälerei verboten ist, aber es ist ebenso richtig, dass wir kein „Foltern“ von Tieren kennen, mithin Tieren keine Würde zuschreiben.

„Jenseits einer strikt verstandenen Gemeinschaft moralischer Personen erstreckt sich keine Grauzone, in der wir normativ rücksichtslos handeln und ungehemmt hantieren dürften. Andererseits verlieren moralisch gesättigte juristische Begriffe wie ›Menschenrecht‹ und ›Menschenwürde‹ durch eine kontraintuitive Überdehnung nicht nur ihre Trennschärfe, sondern auch ihr kritisches Potential. Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht zu Verstößen gegen Wertvorstellungen ermäßigt werden.“ (Habermas)

  • Ich finde es überzeugend, den Schutz der unaustauschbaren Einmaligkeit dort und dann beginnen zu lassen, wenn der Prozess der Menschwerdung irreversibel geworden ist – also dem nasciturus, dem geburtsfähigen Embryo, dem als Frühgeburt Überlebensfähigen einen der Personalität analogen Schutzstatus zu gewähren, und ansonsten dem Menschen von der Geburt an den Personstatus zuzusprechen

Ausführlicher dazu im Glossar-Beitrag »Person

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Über vschuer

Professur für Philosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln
Dieser Beitrag wurde unter Menschenwürde | Menschenrechte, Person veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Person | Konsequenzen

  1. Lisa Rosa schreibt:

    Ich folge dir. Und ich finde es auch überzeugend, den Schutz der unaustauschbaren Einmaligkeit mit dem geburtsfähigen Embryo beginnen zu lassen. Aber deine Begründung verstehe ich nicht ganz. Denn Irreversibel ist der Prozess der Menschwerdung doch von Zeugung an. Oder könnte noch etwas anderes draus werden? Wie könnte der Prozess rückgängig gemacht werden? Doch höchstens abgebrochen? Oder meinst du damit, der Prozess ist im geburtsfähigen Stadium abgeschlossen? Dann wäre das Problem, dass je weiter die Medizin fortschreitet, desto früher kann man Frühchen retten und im Brutkasten oder einer bio-Ersatzgebährmutter weiter entwickeln lassen … Oder meinst du einen Embryo, der seine Frühgeburt ohne einen solchen Ersatz überlebt? Dann wäre auch der Brutkasten schon etwas, was das Überleben vor dem Schutzstatus ermöglicht? – ich finde das alles schwierig mit der Argumentation der Irreversibilität.
    Es ist vielleicht gar nicht zu begründen außer mit deinem „überzeugend“. Ich finde es überzeugend, wenn mir gestattet ist, selbst darüber mit-zu-bestimmen, unter bestimmten sozialen Voraussetzungen und juristisch festgelegten Bedingungen, den Embryo in meinem Körper bis zu einem bestimmten Zeitpunkt abtreiben, also töten zu dürfen. G. findet das nicht überzeugend, soweit ich weiß. Aber ich stimme mit ihm überein, dass es keine „objektive“ Begründung dafür gibt.

    • vschuer schreibt:

      Ich verstehe, was Du meinst. Es ist schwierig, keine Frage. Der Hauptpunkt für mich: Es ist und bleibt eine freie Entscheidung. Deshalb ist und bleibt es auch politisch umstritten, und deshalb ist Dein „darüber mit-zu-bestimmen“ alles entscheidend. Man kann den Prozess der Menschwerdung noch so lange und noch so gut untersuchen, aber der sagt nicht selber, dass der Embryo Würde hat oder aber nicht hat. Wir entscheiden das – schon allein deshalb, weil Würde eine Schutzfunktion ist. Auch das „irreversibel“ ist kein Verweis auf einen empirisch feststellbaren Tatbestand, sondern auf ein „Symptom“.
      Wir brauchen, so denke ich, hier einen guten Begriff von „Symptom“, damit die Freiheit der Entscheidung nicht in eine Willkür-Entscheidung umkippt, also in pure Gewalt des Stärkeren. Das „überzeugend“ will darauf hinaus: Freie Entscheidung, also nicht „alternativlos“ durch die Fakten vorgeschrieben, aber eben auch nicht meine pure „Meinung“ oder subjektive Geschmacksfrage. Ein Appell an uns, dass „es“ doch überzeugend sei. In diesem Fall: Die Rede von „nasciturus“, dem als Frühgeburt Überlebensfähigen, appelliert genau daran, dass jetzt im Prinzip ein Überleben „für sich allein“ möglich ist. Salopp gesprochen: Ab jetzt ist der Einsatz der Medizin analog zum Füttern des Säuglings – während man einen Embryo noch so gut füttern kann, ohne dass es deshalb zu einer glücklichen Geburt kommt.
      Aber ein solcher Verweis auf Symptome ist historisch variabel, keine Frage. Zum Beispiel abhängig von der Entwicklung der Medizin – aber doch auch hinreichend robust, um nicht dem Tagesgeschäft anheimzufallen. Wenn es denn dann dereinst mal möglich sein wird, Menschen zu klonen, brauchen wir ganz sicher andere „Symptome“.

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