Personalität zwischen Natur, Recht und Moral

Vortrag bei der Tagung Natur – Handeln – Freiheit. Der Mensch im Spannungsfeld von Wissenschaft, Kultur und Moral, 30.5.-2.6.2012, veranstaltet von
Herausforderung Leben, Graduiertenschule des Landes Rheinland-Pfalz
an der Universität Landau.
Kurzfassung
Dass wir gleich an Rechten „geboren“ werden, ist ein anderes „geboren“ als dass wir als Menschen mit der Fähigkeit zu sprechen „geboren“ werden. Dass wir gleich an Rechten geboren werden, ist eine Geltungstatsache, hier des Völkerrechts – eine Deklaration, nicht aber ein empirisches Faktum.
So what!? Sowieso klar? Sowieso egal? Sowieso nur was für Akademiker? – Es mag gute Gründe geben, die Menschenrechts-Erklärungen zu kritisieren. Vielleicht sind sie zu individualistisch, vielleicht sind sie zu westlich zentriert („eurozentrisch“), vielleicht sind sie bloß eine subtile Herrschaftstechnik, die nichts am Grundsätzlichen moderner Gesellschaften ändern. All das mag sein, und es gibt verdammt gute Gründe, über solche Kritik nachzudenken. – Aber es gibt auch Kritik an den Menschenrechten, die einfach nur Köpfe verwirrt und schon deshalb, aber nicht nur deshalb, politisch fatal ist. – Die Kritik an den Menschenrechten von Agamben (in Homo sacer), zum Beispiel und willkürlich gewählt, beruht darauf, die obige Unterscheidung nicht zu machen. Dass wir gleich an Rechten geboren sind, nimmt er wörtlich, um dann zu kritisieren, dass das doch Blödsinn sei.
Der Punkt ist allgemeiner: Die Menschenrechts-Erklärungen behaupten nicht, dass alle Menschen gleich sind, sondern dass wir gleich an Rechten sind. Wir alle sind verschieden – hinsichtlich Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Vorlieben, als Individuen sowieso. Um diese Verschiedenheit vor Diskriminierungen zu schützen, haben wir gleiche Rechte. Es ist der Nährboden des Rassismus, von den Menschenrechts-Erklärungen zu unterstellen, diese würden die Gleichheit der Menschen postulieren – um dann dagegenzuhalten, dass dem aber doch gar nicht so sei.
Die Grundthese, dass die Gleichheit der Rechte eine Geltungstatsache, aber kein empirisches Faktum ist, hat (mindestens) zwei Folgeprobleme: 1. Warum gilt die Deklaration verbindlich? Ist es nicht eine pure Willkürentscheidung? – 2. Wo bleibt die Natur in den Geltungstatsachen? Haben Personen gleicher Rechte (k)einen Körper? Oder muss man (k)ein Engel sein, um teilzuhaben an dem Status der Würdigen?

Langfassung

Ich binde Personalität an die Deklarationen der Menschenrechte, und in einem 1. Schritt will ich klären, welches Verständnis von Natur dort in Anspruch genommen wird.

„1. That all men are by nature equally free and independent, and have certain inherent rights, of which, when they enter into a state of society, they cannot, by any compact, deprive or divest their posterity; […].” (Virginia Bill of Rights; 12.6.1776, Abschnitt 1)

„Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Gesellschaftliche Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.“ (Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte; 26.8.1789, Artikel 1)

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte; 10.12.1948, Artikel 1)

Was meint: „von Natur aus“ / „von Geburt an“?

Es scheint eine Bezugnahme auf die physische resp. biotische Natur vorzuliegen. Es scheint so, als haben Menschen Würde und gleiche Rechte von Natur aus im wörtlichen Sinne, also als Gattungsmerkmal (Lesart Agambens beruht darauf).

Auf den 2. Blick ist das weder selbstverständlich noch überzeugend. Vgl. Sie:

1. Alle Menschen werden mit einer Nase geboren.

2. Alle Menschen werden mit der Fähigkeit des Sprechenlernens geboren.

3. Alle Menschen werden mit gleichen Rechten geboren.

ad 1: Aussage zur Gattungsnormalität – das „alle“ ist gerade nicht strikt zu nehmen. Falls jemand, aus welchen Gründen auch immer, nicht mit einer Nase geboren wird, nehmen wir es selbstverständlich als die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

ad 2: Ebenfalls eine Aussage zur Gattungsnormalität – auch hier ist das „alle“ nicht strikt zu nehmen, denn selbstverständlich zählen wir auch die Stummen zur Gattung der Menschen. – Der Unterschied zwischen 1. und 2. liegt wohl darin, dass wir im Unterschied zum Nasenbesitz in der Fähigkeit zum Sprechen ein wesentliches Merkmal unserer Gattung sehen. Dieser Unterschied zeigt sich am Besten ex negativo: Kaspar Hauser ist nicht stumm, d.h. er hat kein biotisches Handikap, sondern er ist nicht in unsere Kultur hineingeboren, und insofern kann man hier streiten, ob es ein Mensch ist. – Die Hauptsache aber: Die Logik ist im Wesentlichen dieselbe wie bei 1. auch: Fähigkeit zum Sprechen ist ein Gattungsmerkmal, und in diesem Sinne etwas, dass den Mitgliedern der Gattung normalerweise zukommt – bei den Ausnahmen suchen und finden wir Gründe, warum es in diesem Fall nicht so ist. Die Tatsache, dass wir es erklären wollen und können, bestätigt die Vorannahme, dass es sich um ein Mitglied der Gattung handelt.

ad 3: Satz 3 ist demgegenüber keine Aussage zur Gattungsnormalität, sondern ein Postulat. Es wird nicht festgestellt, sondern deklariert, dass alle Menschen als Menschen mit gleichen Rechten zu gelten haben. Gewollt ist gerade, dass das „alle“ hier strikt gemeint ist, denn darin liegt die politische Errungenschaft im Vergleich zur Epoche vor 1776. Es ist entschieden kein empirischer Satz zur Gattungsnormalität, der von vornherein Ausnahmen kennt, sondern genau umgekehrt die öffentliche Versicherung, dass wir alle zusammen keine Ausnahmen mehr dulden wollen und entschieden dagegen vorgehen werden, wenn jemand von uns versucht, hier eine Ausnahme geltend zu machen. Solche Versuche sind jetzt als Rechtsverstöße zu ahnden. – Noch einmal: Der Gestus der Sätze ist der direkt gegenteilige. Was in Bezug auf Satz 2 ein Ausdruck von Humanität ist, ist bei 3. gerade verwehrt. „Du kannst zwar nicht sprechen, weil Du stumm bist, aber selbstverständlich bist auch Du ein Mensch!“ – Aber gerade nicht: „Du hast zwar gerade keine Rechte, aber Du gehörst trotzdem zu uns!“ Nein, das geht nicht; das soll und darf nicht sein. Also auch nicht: „Du hast zwar keine Rechte, weil Du noch so klein bist, aber später einmal, wenn Du groß bist, wirst Du auch zu uns gehören!“ Nein, auch das geht nicht! Sondern: Auch Säuglinge schon sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren, und die Fürsorgepflicht gerade dafür gebietet, sie in diesem Alter noch nicht damit allein zu lassen. Dass die Rechte, die auch den Säuglingen zukommen, von den Eltern vertreten werden, ist gerade nicht Ausdruck dessen, dass Säuglinge noch keine Rechte haben und sie diese erst dereinst, bei Volljährigkeit bekommen, sondern gerade umgekehrt: Sie haben sie bereits, und für unseren gesunden Menschenverstand ist es völlig evident, dass der Schutz dieser Rechte hier eine besondere Fürsorgepflicht verlangt. – Genau in diesem Sinne hat die Aufklärung die Kindheit ›entdeckt‹.

Das „von Natur aus“ ist hier also metaphorisch gegenüber einem physischen oder biotischen Verständnis von Natur. Aber es ist als Deklaration in dieser Metaphorik, also in dieser verschobenen Bedeutung, eine strikte und eigentliche Aussage, die die fraglose, kategorische Geltung des Zukommens gleicher Rechte postuliert und festhält. Die eigentliche Bedeutung der Floskel „von Natur aus“ lautet also:

„Es ist natürlich! so = es ist ganz selbstverständlich so, dass Folter verboten ist. Das ist doch gar keine Frage!“

Das, was ich sagen will, ist ganz schlicht: Personalität ist ein Status gesellschaftlicher Geltung, und Personalität ist kein Gattungsmerkmal und auch keine Folgerung aus einem Gattungsmerkmal. Personalität kommt uns nach 1776, und bekräftigt nach 1948, als Menschen fraglos, verbindlich, kategorisch zu – und zwar schlicht als Menschen, und nicht deshalb, weil wir über ein bestimmtes Gattungsmerkmal verfügen. – Man kann sich seine Bündnispartner nicht immer aussuchen. Das, was ich sagen will, kann man sehr klar und sehr deutlich bei Spaemann nachlesen:

„Personen sind nicht etwas, was es gibt. Was es gibt, sind Dinge, Pflanzen, Tiere, Menschen. […] Jemanden nicht nur im Personenstandsregister zu führen, sondern ihm ausdrücklich ›Personsein‹ zuzuschreiben, heißt, ihn als jemanden anerkennen, der beanspruchen kann, daß man auf eine bestimmte Weise mit ihm umgeht. […] Es gibt keine Eigenschaft, die ›Personsein‹ hieße. Darum ist der Solipsismus mit dem Begriff der Person unvereinbar. Eine einzige Person in der Welt lässt sich nicht denken. Was die Identität einer Person ausmacht, kann es wesentlich nur ein einziges Mal geben. Personalität kann es aber eben darum nur als eine Vielheit von Personen geben.“ (Spaemann 1996, 12-49)

Ich würde mir wünschen, dass ich Sie bisher gelangweilt habe. Ich würde mir wünschen, dass das für Sie ganz selbstverständlich ist. Mindestens historisch war es das nicht, und auch heutige Debatten um den Person-Begriff bezeugen eher, dass es alles andere als selbstverständlich ist. Personalität nicht an ein Merkmal ausgezeichneter Entitäten zu binden, sondern als einen Status gesellschaftlicher Geltung zu konzipieren, verlangt nämlich historisch, aus der Traditionslinie des Lockeschen Person-Begriffs auszusteigen, und sich in eine Traditionslinie ›Rousseau‹ einzuschreiben:

„Die Gesellschaftsordnung ist ein heiliges Recht, das die Grundlage für alle anderen Rechte ist. Diese Ordnung entspricht aber nicht der Natur. Sie ist durch Vereinbarungen begründet. Man muß nur wissen, welches diese Vereinbarungen sind.“ (Rousseau 1762, 62)

Ich würde es wie folgt formulieren:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Alle Menschen sind Personen, d.h. sie gelten fraglos und kategorisch als frei und gleich an Würde und Rechten.

Personalität ist hier nicht durch ein allen Menschen gemeinsames Merkmal abgesichert, sondern eine Selbstverpflichtung von Allen gegenüber Allen. Ich nenne es daher abkürzend das republikanische Personenkonzept. – Daher auch meine Engführung von Personalität und Würde: Nicht Zweischritt, sondern Personen der Würde.

Das republikanische Konzept als Errungenschaft

Es ist zunächst einfach ein persönliches Bekenntnis: Ich halte die Menschenrechts-Erklärungen und damit das republikanische Konzept von Personalität für eine politische Errungenschaft, historisch und bis heute hart umkämpft in der Abwehr von Würdeverletzungen. Die Errungenschaft liegt in Zweierlei – zum einen darin, dass Würde nun allen zukommt, und zum anderen, dass Würde nun den Status eines Rechtsanspruches, also eines kategorisch zu schützenden Gutes annimmt. Unsere Verfassung bringt das prominent auf die Formel von der Unantastbarkeit der menschlichen Würde.

Das, was ich hier als Errungenschaft ansehe, ist u.a. ein Bruch im Verständnis dessen, was Würde heißt: Menschenwürde ist nicht mehr dignitas.

Dignitas ist ein Leistungsbegriff: Einer Sache oder einer Person kommt dignitas aufgrund einer spezifischen Besonderheit – eines besonderen Merkmals, einer Leistung, einer besonderen Rolle – zu. Wir kennen diese Bedeutung heute noch, wenn wir von der Würde eines Amtes oder der Würde des Gerichts reden. Dignitas ist optional, d.h. sie kommt einer Sache oder Person aus bestimmten Gründen entweder zu oder aus bestimmten Gründen nicht zu. Dignitas ist also bedingte Würde: Falls dies oder jenes erfüllt ist, dann kommt dignitas zu. Konsequenterweise kommt dignitas nur ausgezeichneten Menschen, nicht aber allen zu.

Menschenwürde ist demgegenüber unbedingte Würde: Sie kommt allen Menschen ohne weitere zu gebende Gründe, also fraglos zu. – Sie sehen, dass man das für eine Errungenschaft halten kann; aber typischerweise werden das diejenigen für eine Errungenschaft halten, die vorher in ihrer Würde verletzt wurden. Die anderen werden vielleicht eher um ihr Privileg fürchten.

Etwas genauer, dadurch leider aber auch etwas diffiziler gesagt, ist Menschenwürde im Unterschied zu dignitas in doppelter Weise unbedingt.

Dass einer Sache oder einer Person Würde zukommt, heißt nämlich zunächst, dass diesem X unbedingte Achtung zukommt. Das ist die bekannte kantische Unterscheidung von Preisen und Würde. Falls etwas einen Preis hat, dann schätzen wir dieses Etwas mehr oder weniger, und wir können es durchaus hoch und sehr hoch schätzen, weil es ein schätzenswertes Mittel zu einem anderen Zweck ist. Etwas aufgrund seines Preises zu schätzen, ist in einem weiten Sinne eine Klugheitserwägung, getriggert durch Anstand. Falls dagegen einer Sache oder Person Würde zukommt, dann kommt diesem Etwas unbedingte Achtung zu – also ohne weitere Erwägungen einfach deshalb, weil es sich um diese Sache oder diese Person handelt. Auch dignitas ist in diesem Sinne, obwohl ein Leistungsbegriff, unbedingte Achtung.

Das mag etwas verwirrend klingen, aber es ist ganz einfach: Wir können darüber streiten, ob einem Gericht Würde zukommt oder ob ein Gericht lediglich eine sehr nützliche Einrichtung ist. Aber falls einem Gericht Würde zukommt, dann heißt das, dass einem Gericht unbedingte Achtung zukommt. Also formelhaft: Das, was zukommt, ist unbedingte Achtung (und nicht lediglich Hochschätzung aus gewissen Gründen – Hochschätzung ist nichts Defizitäres, sondern nur etwas anderes als unbedingte Achtung, denn Hochschätzung trägt nur so lange, wie diese Gründe tragen, also nicht unbedingt). Und diese Unbedingtheit macht Würde zu einer prekären Angelegenheit – zu etwas, das abgesichert, geschützt werden muss. Es gibt eben keine weiteren, besonderen Gründe, warum diese Achtung zukommt, sondern gefragt nach Gründen, springt nur eine Tautologie heraus: Diesem Etwas kommt unbedingte Achtung zu, weil einem zu Würdigenden unbedingte Achtung zukommt. Hier nicht weitere Gründe angeben zu wollen, ist der spezifische Schutz eines Tabus. Oder auch: Das, was Würde, und nicht nur einen Preis hat, ist uns heilig, und nicht nur aus gewissen Gründen lieb und teuer.

Diese Unbedingtheit und insofern Schutzwürdigkeit im Modus der Heiligkeit gilt sowohl für dignitas als auch für Menschenwürde, weil beides eben Würde ist. Aber dignitas ist zugleich eine bedingte Würde, weil es Gründe braucht, damit dignitas zukommt. Also: Falls dignitas zukommt, dann kommt unbedingte Achtung zu. Aber ob unbedingte Achtung zukommt, ist optional, und zur Bedeutung von dignitas gehört dazu, dass sie bedingterweise zukommt. Genau das macht dignitas zu einem Leistungsbegriff.

Und genau demgegenüber ist Menschenwürde kein Leistungsbegriff mehr, denn wir wollen gar keine Gründe mehr hören, ob einem Menschen Würde zukommt oder nicht. Allen Menschen kommt Würde zu. Ausrufezeichen. Fertig. Ende der Erklärung. – Der zentrale Punkt ist, dass dies unbedingt, fraglos gilt. Es ist gerade nicht so, dass es sich bei der Menschenwürde immer noch um dignitas handelt, und dass der Unterschied allein darin liegt, dass wir freundlicherweise, aus Gründen von Humanität den Kreis derjenigen, denen nun dignitas zukommt, erheblich erweitert haben. Das ist nicht so, denn dann bräuchte es immer noch eine Aufnahmeprüfung, ob Würde zukommt oder nicht. Dignitas ist und bleibt, egal wie weit sie ausgedehnt wird, konzeptionell eben bedingte Würde. Formaler formuliert:

Alle Menschen sind sterblich. Äquivalent mit: Falls x ein Mensch ist, dann ist x sterblich.

Alle Menschen sind Würdige. Daraus folgt gerade nicht: Falls x ein Mensch ist, dann …

Genau deshalb sind die Menschenrechts-Erklärungen mit einem Lockeschen Begriff von Person nicht zu haben. Dort ist Personalität an ein Merkmal gebunden, und Person ist man insofern optional, bedingterweise. Genau das meint Stekeler-Weithofer (2002) mit seiner Rede von Aufnahmeprüfung. – Und damit bricht das republikanische Modell der Selbstverpflichtung Aller gegenüber Allen nicht nur mit allen naturalen Personenkonzepten, sondern auch mit allen natur- oder vernunftrechtlichen Konzepten. Jede Rede von der Menschheit in uns allen, egal ob in einem naturalen oder einem vernunftrechtlichen Sinne, sucht bzw. unterstellt irgendeine Bestimmung, aufgrund derer uns unbedingte Achtung zukommt. Genau das aber ist kein Bruch mit dem Konzept von dignitas, sondern nur die menschenfreundliche Ausdehnung bedingter Würde. Und zwar mit allen Folgelasten aller erdenklichen Nachfragen, welche Bedingung denn erfüllt sein muss oder soll, damit wir Würde zuschreiben. Wir können spendabel sein oder geizen. Aber so oder so: Auf der Basis von bedingter Würde droht die unsägliche Debatte um das sog. lebenswerte und lebensunwerte Leben und hier dröhnt der Lärm des Speciesismus-Vorwurfs. Aber das droht und dröhnt eben nicht aus guten Gründen, sondern weil dort immer noch dignitas als bedingte Würde unterstellt ist.

Personalität all dem gegenüber republikanisch als Selbstverpflichtung Aller gegenüber Allen zu fassen, macht aus dignitas Menschenwürde: Es gibt deklarierterweise keine Debatte mehr, was bei Menschen erfüllt sein muss, damit ihnen Würde zukommt, sondern als Menschen kommt ihnen eben Würde zu, weil wir es uns selbst gegenüber so erklärt haben. Eine solche Deklaration beschwört keine Menschheit in uns allen, sondern ist eine Reaktion auf eine jahrtausendealte Geschichte von Würdeverletzungen, zuletzt auf „Akte der Barbarei“, so die Präambel der Deklaration von 1948. Solche Erfahrungen haben uns zu dieser Selbstverpflichtung gleichsam getrieben; wir versichern uns, uns wechselseitig fraglos als Würdige zu behandeln, d.h. niemals nur als schätzenswertes Mittel, sondern fraglos als in unserer unaustauschbaren Einmaligkeit unbedingt zu Achtende. Weil wir in der Geschichte leidvoll Würdeverletzungen erfahren haben, deshalb stellen wir uns wechselseitig unter den Schutz, Würdeverletzungen zu tabuisieren, d.h. unter den Schutz des Rechtsanspruchs auf Unantastbarkeit unserer Würde. – Joas (2011) hat jetzt ausgesprochen, worum es geht und was auf dem Spiel steht: Die Sakralität der Person. Der Kern dieser Rede ist jener Gegensatz von unbedingter Achtung und Hochschätzung. Heilig ist etwas dann, wenn nicht bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen, damit es geachtet wird.

Folgeproblem 1: Verbindlichkeit

Man kann ein Problem damit haben, dass Personalität und damit Menschenwürde in einer Deklaration fundiert sein soll, also in einem historischen Akt. Historische Akte sind kontingent. Wir hätten jene Selbstverpflichtung nicht eingehen müssen, wir können sie in unserem gegenwärtigen Handeln wahren und stärken oder aber aushöhlen, und wir könnten sie dereinst, das gehört zu Selbstverpflichtungen dazu, auch aufkündigen. Es scheint so, als sei es daher mit der Verbindlichkeit der Geltung der Menschenrechte nicht weit her. Menschenwürde kommt zwar nicht optional, sondern unbedingt und fraglos zu, aber diese Unbedingtheit ist ihrerseits nur kontingenterweise in Kraft. Man kann daher an dieser Stelle besorgt sein, und in dieser Besorgnis scheinen dann theologische oder vernunftrechtliche Konzepte von Personalität resp. Würde attraktiver zu sein. Man belässt es dann weiter bei dignitas, und damit bei einer Aufnahmeprüfung; aber man ›gewinnt‹ absolute Verbindlichkeit. Die Menschenrechts-Erklärungen sind dann nicht mehr Selbstverpflichtungen, sondern bloßes Ratifizieren dessen, was in die Würde der Kreatur hineingeschrieben wurde bzw. was uns eine ›Menschheit in uns allen‹ vorschreibt.

Ich kann darin nichts Attraktives entdecken. Mir scheint der ganze Witz der Menschenrechts-Erklärungen wie gesagt darin zu liegen, das Privileg optionaler Würde zugunsten von gemeiner unbedingter Würde abzuschaffen. Und dies wird vom vernunftrechtlichen Kontingenzexorzismus in doppelter Weise sabotiert. Zum einen bleibt Würde weiter dignitas, also eine Würde für Auserwählte; und zweitens ist jene Absolutheit der Geltung nur eine himmlische. Im irdischen Hier und Jetzt braucht es dann eine Hohepriesterfunktion, denn irgendwer muss wissen und sagen, was denn als Menschheit in uns allen liegt. Die Attraktivität jener kontingenten Selbstverpflichtung liegt gerade darin, dass die Gründe für Würde nicht mehr interessieren, und wir den lieben Gott einen guten Mann sein lassen können. Es reicht hier völlig aus, dass wir die Würde des Einzelnen unter den Schutz eines Rechtsanspruches stellen wollen – ansonsten können wir die Formel von der Unantastbarkeit der Würde uninterpretiert lassen, was seinerseits eine Option für weltanschaulichen Pluralismus und gegen Glaubenskriege ist.

D.h.: Personalität und Würde ist hier ein strikt verfassungs-, grund-, völkerrechtliches Konzept, und jeder Verweis auf einen außerrechtlichen Grund der Würde ist ein Rückschritt in die Zeiten der Glaubenskriege. Falls man unter Moral etwas Außerrechtliches versteht, ist ein republikanisches Person- bzw. Würdekonzept ein strikt nicht-moralisches, um nicht zu sagen anti-moralisches. Das zu sagen, bestreitet selbstredend nicht die hohe Relevanz der individuellen Moral. Aber die Würde des Menschen ist unantastbar – ganz egal ob Ihre Privatmoral das auch so sieht oder nicht. Das gerade meint Rechtsschutz vor einem möglichen Wolfsein des Mitmenschen.

Pathetisch gesprochen: Dass uns nichts und niemand zwingt, uns wechselseitig als frei und gleich an Würde und Rechten anzuerkennen, und dass wir es trotzdem getan haben, das ist der beste Ausdruck menschlicher Freiheit, den wir haben.

Oder nüchtern als Formel: Jene doppelte Unbedingtheit von Menschenwürde ist eine unbedingte Geltung, und damit selbst nichts Unbedingtes. Geltung ist generell, und so auch hier, nur bedingter-, hier: deklarierterweise zu haben.

Eine zweite Besorgnis liegt in dem Verdacht, dass der historisch kontingente Akt einer Deklaration nichts anderes sein kann als eine pure Dezision. Ein Blick in die tatsächlichen Formulierungen der Menschenrechts-Erklärungen kann diese Besorgnis ganz leicht nehmen. Dort steht nämlich überdeutlich geschrieben, dass diese Erklärungen Ausdruck von gravierenden Unrechtserfahrungen sind. Damit ist ihnen deutlich eingeschrieben, wogegen sie sich richten. Eine pure Dezision wäre dagegen eine Entscheidung aus einem neutralen Nullpunkt heraus. Menschenrechts-Erklärungen aber sind parteilich für den Schutz vor Entwürdigungen.

Auch diese Dimension des konkreten Gehalts dieser Selbstverpflichtung geht in theologischen und vernunftrechtlichen Konzepten verloren. Dort nämlich geht es nicht darum, dass Menschen als Würdige gelten, sondern dass sie (qua Kreatur oder qua Vernunftwesen) Würdige sind. Das ist politisch perfide, denn d.h. doch: Hängt die Würde an einer Menschheit in uns allen, dann waren auch Sklaven in der Antike bereits Würdige, aber leider, leider hat man das nur noch nicht richtig erkannt. Die Berufung auf das Naturrecht hat historisch oft eine emanzipatorische Rolle gespielt, aber systematisch gesehen verhöhnt eine solche Berufung, pace Bloch, das Leiden der Unfreien und verharmlost, ja verballhornt die konkreten und harten Kämpfe, die die Menschenrechts-Erklärungen erst möglich gemacht haben.

Folgeproblem 2: Haben Personen keine Natur?

Nach allem bisher Gesagten drängt sich eine naheliegende Konsequenz auf. Wenn Personalität kein Gattungsmerkmal ist bzw. nicht auf einem solchen beruht, sondern strikt ein Status gesellschaftlicher Geltung ist, muss es dann nicht auch konsequenterweise Personenwürde statt Menschenwürde heißen?

Ich würde sagen: Ja, das stimmt. Das ist ein gutes Argument, und wenn es denn dazu beiträgt, den Status von Personalität davor zu bewahren, als ein Gattungsmerkmal missverstanden zu werden, dann wäre dieser Namenswechsel klug.

Aber zugleich gilt auch, dass das Argument nicht gut genug ist. Es gibt nämlich einen systematischen Fehler. Die Redeweise von Personenwürde ist in gewisser Hinsicht tautologisch. Auch für dignitas gilt nämlich, soweit sie sich auf Menschen und nicht auf Sachen bezieht, dass sie die Würde von Personen ist. Personen sind eben die, die die Würde haben, als frei und gleich an Rechten zu gelten. Die dignitas der freien Polis-Bürger ist in diesem Sinne Personenwürde. Ersichtlich geht also dabei der Clou der Menschenrechts-Erklärungen verloren, der gerade darin besteht, dass alle Menschen als Person zu gelten haben. Menschenwürde ist also nicht nur eine Auszeichnung von Personen – das ist es auch, weil es um Menschenwürde geht -, sondern es ist eine Identifizierungsleistung von Gattungswesen und Personalität: Alle Mitglieder der Gattung haben fraglos und ausnahmslos als Person zu gelten. Deshalb und insofern ist der Clou der Erklärungen eben jener Bruch mit Würde als dignitas hin zu Würde als Menschenwürde.

Der deklarierten Menschenwürde, genauer: dem deklarierten Schutz der unaus­tauschbaren Einmaligkeit jedes einzelnen Menschen, ist damit so etwas wie eine minimale Phänomenologie des Mensch-seins eingeschrieben. Minimale Phänomenologie meint hier: Würde kommt allen Menschen zu, also all denen, „die Menschenantlitz tragen – nicht wahr, Sie wissen schon, was ich meine!?!“ Ich will einfach sagen: Wer Mensch ist, ist alltäglich evident; aufwendige DNA-Analysen sind hier nicht nötig.

Die vielleicht wichtigste Konsequenz dessen, dass Personalität nicht eine bloße Zuschreibung, sondern eine Identifizierungsleistung von Person und Mitglied der Gattung Mensch ist, liegt darin, dass Personen nunmehr einen Körper haben. Das ist nicht nichts bzw.: das ist keineswegs selbstverständlich. Für Scheler beispielsweise ist Personalität ein von ihm so genannter geistiger Sachverhalt, wobei geistig heißt: Nur als Vollzug gegeben und insofern nicht substantialisierbar. Konsequenterweise ist es dann für Personalität nicht definitiv, einen Körper zu haben, und eben deshalb ist für Scheler auch Gott eine Person.

Im Konzept der Menschenwürde treten demgegenüber nur leibhaftige Personen auf. Insofern ist Schelers Anthropologie mit einem republikanischen Modell von Menschenwürde nicht kompatibel. In dieser Hinsicht müsste man auf andere Anthropologien, etwa diejenige Plessners, zurückgreifen. Plessner räumt zwar ein, dass Exzentrizität nicht zwingend an eine ganz bestimmte körperliche Organisationsform gebunden ist – das Mensch-sein sei an keine bestimmte Gestalt gebunden und könnte daher auch unter mancherlei Gestalt stattfinden, die mit der uns bekannten nicht übereinstimmt (vgl. Plessner 1928, 293 [= GS IV, 365]). Aber für Plessner ist ausgeschlossen, dass Exzentrizität an gar keine körperliche Organisationsform gebunden ist, und d.h. dann rein logisch schon, dass es nicht beliebige Organisationsformen sein können. Plessner fordert und macht geltend, dass sich das kategoriale Verhältnis, „wenn anders es überhaupt ontisch und nicht nur logisch möglich sein, wenn es real statt­finden soll, an dem Realen aussprechen und be­merkbar machen, in einer Art, die dem Realen als physischem Ding nicht zuwiderläuft und sei­nen ›Mitteln‹ konform ist“ (Plessner 1928, 128 [= GS IV,182]). In diesem Sinne lässt schon die körperliche Organisationsform beispielsweise eines Wurmes nicht zu, dass dieser sich mit den Augen der Anderen sieht. Und insofern ist es eine halbwegs nüchterne Einschätzung und kein falscher Speciesismus, wenn wir gemeinhin Regenwürmer nicht für exzentrische Wesen halten.

Bei Plessner geht das sogar viel weiter. Personalität ist der Struktur nach Exzentrizität, und diese wiederum ist jenes verschränkt Doppelte von Zuschreibung und Identifizierung von zugeschriebener Personalität und Mensch-sein. Bei Plessner wörtlich: „Positional liegt ein Dreifaches vor: das Lebendige ist Körper, im Körper (als Innenleben oder Seele) und außer dem Körper als Blickpunkt, von dem aus er beides ist. Ein Individuum, welches positional derart dreifach charakterisiert ist, heißt Person.“ (Plessner 1928, 292f. [365])

Das hat seinerseits wichtige Konsequenzen. Ich nenne nur zwei:

1. Plessner kann leibliche Phänomene dingfest machen, in denen sich Exzentrizität als Exzentrizität, oder eben: Personalität als Personalität zeigt. Z.B. Lachen und Weinen. Insofern kann Plessner Personalität in einem direkten und naheliegenden Sinne als leibliches Phänomen ernst nehmen und studieren.

2. Auch für Plessner ist Exzentrizität bzw. Personalität ein geistiges Phänomen. Aber insofern er nur leibhaftige Personen kennt, liegt dem ein anderer Begriff des Geistigen zugrunde als bei Scheler. Geistig bei Plessner ist mitweltlich, und in diesem Sinne meint die Leibhaftigkeit von Personalität, dass Personen keine ätherischen Geister sind, weil sie in der Welt der Mitmenschen situierte Wesen sind und ohne diese Situiertheit nicht das wären, was sie sind, nämlich Exzentriker resp. Personen. Oder mit Spaemann: Person kann man nicht allein sein, und in diesem Sinne ist Leibhaftigkeit als geistiger, und nicht pur naturaler Tatbestand, der Gegenbegriff zu Solipsismus.[2]

Fazit

Mein wichtigster Punkt: Personalität ist ein Status gesellschaftlicher Geltung, der in einer republikanischen Selbstverpflichtung wurzelt. Um die Differenz zu einer Merkmals-Konzeption von Personalität scharf herauszuheben, kann man sagen, dass Personalität kein feststellbares Merkmal, sondern eine Zuschreibung ist (dann aber bitte nicht: Zuschreibung eines Merkmals, sondern Zuschreibung eines Status).

Aber zu dieser Zuschreibung gehört, dass es keine pure Dezision ist. Das sich wechselseitige Anerkennen als Person der Würde ist sowohl politisch als auch naturphänomenologisch geerdet, wobei das Problem darin steckt, was hier geerdet meint. Gewollt ist: Es liegen gleichsam aufdringliche phänomenale Befunde vor, die dieser Zuschreibung die Willkür, oder noch deutlicher: die Gewalttätigkeit nehmen, aber diese phänomenalen Befunde haben gleichwohl nur den Status von Symptomen, die diese Zuschreibung nicht erzwingen können, denn ein Akt der Selbstverpflichtung ist ein Akt von Freiheit. Plessner schreibt zu solcherart Verhältnissen: „Vermittelt, nicht begründet durch sie.“ (Plessner 1931, 232) – Was ich konkret meine: Die politische Erdung liegt darin, dass die Zuschreibung von Personalität keine pure Willkür-Entscheidung von einem neutralen Nullpunkt aus ist, sondern eine Entscheidung, sich zu einer schon getroffenen Entscheidung zu verhalten: Wir können die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 entweder aufrecht erhalten oder ihr kündigen, aber wir sind nicht in der Situation, willkürlich darüber lamentieren zu können, ob wir allen Menschen heute wohl mal Würde zuschreiben wollen oder nicht. Und mit naturphänomenologischer Erdung meine ich das oben zu Plessner Ausgeführte: Es ist evident, wer Menschenantlitz trägt, und es ist evident, warum wir mindestens alle Menschen zu Unsereins, also eben zu den Mitmenschen zählen.

Weil diese Erdung lediglich auf mehr oder weniger handfeste Phänomene verweist, die Zuschreibung selbst aber ein Akt der Freiheit ist, können wir selbstverständlich den Gehalt unserer Selbstverpflichtung ändern. Wir könnten, wenn wir uns denn darauf verpflichten wollen, selbstverständlich formulieren: Alle höheren Primaten sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. – Ob das klug wäre, ist eine andere Frage, aber wir könnten, denn sonst wäre es keine freie Selbstverpflichtung.

Und de facto gibt es ja auch alle erdenklichen Debatten darüber, wem oder was wir Würde resp. Personenstatus zuschreiben sollten oder nicht. Kommt Föten schon Würde zu? Kommt gewissen Menschenaffen Personalität zu? Kommt den Säuglingen, Dementen oder geistig Behinderten Personalität zu? Angesichts des Lärms, der mit dem Vorwurf des Speciesismus gemacht wird, zugespitzt: Wollen wir nicht nur, wie bisher auch, Tierquälerei verbieten, sondern sollten wir einen Tatbestand des Folterns von Tieren einführen? All das ist aus mehr oder weniger guten, aber meistens ganz schlechten Gründen strittig. Aber da es diese Debatten nun einmal gibt, müssen wir uns auch dazu verhalten.

Und hier ist die Konsequenz eines republikanischen Personenkonzepts glasklar: Wir sollten die so enorm virulente und wichtige Frage, ob Föten Würde zukommt oder nicht, auf gar keinen Fall verwechseln mit der Frage, wann das Leben bzw. das Mensch-sein beginnt oder endet. Das signalisiert nämlich, dass wir nach einem empirisch feststellbaren oder transzendentalen Merkmal fahnden, das als Wahrmacher unserer Grenzziehung Würdige – Nicht-Würdenträger herhalten soll. Wir sollten aber nicht die Natur oder gewisse Transzendentalphilosophen verantwortlich für eine Entscheidung machen wollen, die wir als Selbstverpflichtung nur selber verantworten können.

Ob einem X Würde zukommt oder nicht, ist eben nicht über eine Aufnahmeprüfung zu entscheiden, sondern ist in einer gemeinsamen Selbstverpflichtung je schon entschieden worden. Es ist je schon der Kreis der Kandidaten abgesteckt und festgeschrieben worden derjenigen, denen der Schutz der unaustauschbaren Einmaligkeit zukommt. Wir sollten offensiv darüber streiten, wen wir unter den Schutz der Würde stellen und wen nicht, aber wir sollten nicht darüber streiten, was der Affe auch schon kann und was Demente nicht mehr können.

Nach heutigem Stand des Völkerrechts ist die Frage, ob dem Makaken Personenstatus zukommt, analog zu der Frage, ob ein Makake eine Primzahl ist – also schlicht ein Kategorienfehler. Ich persönlich sehe keinen Bedarf, das Völkerrecht an dieser Stelle zu ändern – aber das kann man zweifellos auch anders sehen.

Literaturverzeichnis

Joas, H. (2011): Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Berlin: Suhrkamp.

Plessner, H. (GS): Gesammelte Schriften. 10 Bände. Hg. v. G. Dux et al. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980-1985.

Plessner, H. (1928): Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. Berlin/ New York: de Gruyter 31975.

Plessner, H. (1931): Macht und menschliche Natur. Ein Versuch zur Anthropologie der geschichtlichen Weltansicht. In: H. Plessner (GS), Bd. 5 (1981), 135-234.

Rousseau, J.-J. (1762): Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes. In: J.-J. Rousseau, Politische Schriften. Hg. v. L. Schmidts. Paderborn u.a.: Schöningh 21995, 59-208.

Spaemann, R. (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen ›etwas‹ und ›jemand‹. Stuttgart: Klett-Cotta.

Stekeler-Weithofer, P. (2002): Stolz und Würde der Person. Grundprobleme der (Bio)Ethik in einer mit Nietzsche entwickelten Perspektive. In: Nietzscheforschung. Jahrbuch der Nietzsche-Gesellschaft 9 (2002), 15-29.

Schürmann, V. (2007): Personen der Würde. In: F. Kannetzky & H. Tegtmeyer (Hg.) (2007): Personalität. Leipzig: Universitätsverlag, S. 165-185.

Schürmann, V. (2009): ›Person‹. In: M. Dederich & W. Jantzen (Hg.) (2009): Behinderung und Anerkennung (Behinderung, Bildung, Partizipation / hrsg. von Wolfgang Jantzen, Bd. 2). Stuttgart: Kohlhammer, S. 143-152.

Schürmann, V. (2011): Würde als Maß der Menschenrechte. Vorschlag einer Topologie. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 59 (2011) 1, 33-52.

Schürmann, V. (2012): Max Scheler und Helmuth Plessner – Leiblichkeit in der Philosophischen Anthropologie. In: E. Alloa et al. (Hg.) (2012): Leiblichkeit. Geschichte und Aktualität eines Konzepts. Tübingen: Mohr Siebeck, S. 207-223.


[1] Vortrag bei der Tagung Natur – Handeln – Freiheit. Der Mensch im Spannungsfeld von Wissenschaft, Kultur und Moral, 30.5.-2.6.2012, veranstaltet von Herausforderung Leben, Graduiertenschule des Landes Rheinland-Pfalz an der Universität Landau.

[2] „Nur soweit wir Personen sind, stehen wir in der Welt eines von uns unabhängigen und zugleich unseren Einwirkungen zugänglichen Seins. Infolgedessen hat es seine Richtigkeit, daß der Geist die Voraussetzung für Natur und Seele bildet. Man muß den Satz in seinen Grenzen verstehen. Geist ist nicht als Subjektivität oder Bewußtsein oder Intellekt, sondern als Wirsphäre die Voraussetzung der Konstitution einer Wirklichkeit, die wiederum nur dann Wirklichkeit darstellt und ausmacht, wenn sie auch unabhängig von den Prinzipien ihrer Konstitution in einem Bewußtseinsaspekt für sich konstituiert bleibt. Gerade mit dieser Abgekehrtheit vom Bewußtsein erfüllt sie das Gesetz der exzentrischen Sphäre.“ (Plessner 1928, 304 [= GS IV, 378])

Advertisements

Über vschuer

Professur für Philosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln
Dieser Beitrag wurde unter Leib | Körper, Menschenwürde | Menschenrechte, Person, Plessner, Recht | Moral veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Personalität zwischen Natur, Recht und Moral

  1. Markus schreibt:

    Ich verstehe nicht ganz, warum Mensch-sein kein Gattungsmerkmal ist. Außerdem würden sicherlich einige Rassisten bestreiten, dass es „alltäglich evident“ ist, was ein Mensch ist. So könnten „Nigger“ als Unter-Menschen, also gerade nicht als Menschen betrachtet werden, denen folglich auch keine Würde zukäme.
    Mein Verständnisproblem wird an der formalen Formulierung am deutlichsten:
    „Alle Menschen sind Würdige. Daraus folgt gerade nicht: Falls x ein Mensch ist, dann …“
    Wie begründen Sie das?

    • vschuer schreibt:

      Ein ganz kleines Missverständnis: Ich benutze „Mensch-sein“ im Sinne von: Mitglied der Gattung sein. Was ich sagen will: 1. Person-sein ist nicht darüber definiert, Mitglied der Gattung zu sein. Und 2.: Die in den Menschenrechtserklärungen postulierte Identifizierung von Mensch-sein und Person-sein darf kein empirisch konstatierbares Merkmal der Gattungszugehörigkeit in Anspruch nehmen, weil genau das wieder eine Aufnahmeprüfung einführt. Und eshalb ist eine andere logische Form nötig, um dieses(!) „Alle Menschen sind Würdige“, im Unterschied zu „Alle Menschen sind Sterbliche“, auszudrücken. Sondern stattdessen eine minimale Phänomenologie des Mensch-seins, eine alltägliche Evidenz, dass „schon klar“ ist, wer Mitglied er Gattung ist.
      Es gab historische Situationen, da wurde bei einigen Wesen gestritten, ob sie zur Gattung gehören (z.B. unter dem Titel „Monster/monströse Wesen“). Aber das scheint mir heute nicht mehr problematisch. Jene Rassisten bestreiten nicht, dass „Nigger“ zur Gattung gehören, sondern sie bestreiten den Person-Status. Und genau deshalb sind sie (in der Moderne) eben Rassisten, weil sie abstreiten, dass alle Mitglieder der Gattung fraglos zu den Personen zählen.

      • Markus schreibt:

        Ja, ich verstehe das Bestreben. Und es löst sicherlich auch einige Probleme. Nur ist dieser Ansatz eben nicht ganz so griffig. Was wäre denn mit geklonten oder stark genetisch manipulierten „Menschen“? Ab einem gewissen Grad der Manipulation gäbe es sicherlich einen Konsens darüber, dass diese Wesen eben doch eher monströser Art sind. Und ist dieser Konsens letztlich nicht auch empirisch? Entweder im Sinne von DNA (o.Ä.) oder im Sinne von „Alle / die meisten befragten Individuen würden zustimmen“?

      • vschuer schreibt:

        „Nicht ganz so griffig“ ist vielleicht das, was ich tatsächlich sagen will. Der Verweis auf Würde ist eine Schutzfunktion, die sich aus historischen Erfahrungen von Würdeverletzungen speist. Was genau wir völkerrechtlich als unwürdig festlegen, ist a) historisch variabel und b) politisch umkämpft. Es gibt genau deshalb keine griffige Formel. Hier passt, glaube ich, all das, was Lisa Rosa in ihrem Kommentar schon einbrachte, und was ich dann in Antwort darauf zu „Symptomen“ etc. sagte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s