Weiterdenken mit Andreas Zielcke

Andreas Zielcke hat am 12.10.2017 in der SZ (Feuilleton, S. 11) einen Beitrag geschrieben mit dem Titel »Der unflexible Mensch« und der erläuternden Unterzeile »Nicht jeder hält die Widersprüche aus, die dem Ich heute abverlangt werden. Der Erfolg der Rechten zeugt von überforderter Identität«. Online war es schon am 11.12. erschienen unter dem Titel Die verunsicherte Gesellschaft
Ich denke, dass es lohnt, an diesen Beitrag anzuknüpfen und die Debatte weiter zu treiben. Ich mache daher hier einen Anfang.

Das unausgegorene Wir. Plädoyer für verfügbare objektive Anerkennung
Andreas Zielcke hat (in der SZ v. 12.10.2017) den unflexiblen Menschen porträtiert. Ausgangspunkt und leitendes Problem ist die Frage, was man den Formen »verplombter Identität« auf Seiten der AfD und der identitären Rechten entgegenhalten könne. Die Frage, was hier zu tun ist, lässt Zielcke am Ende offen, und ich gestehe, dass auch ich keine Antwort auf die Frage Was tun? anbieten kann. Stattdessen will ich den Ball aufnehmen und weiter im Spiel halten, was wir wie denken können müssten, um besserenfalls immerhin einen Wegweiser für solches Tun zu haben.
Zielcke geht zunächst einen Schritt zurück. Auf das Problem der Identität haben die Rechten kein Monopol, sondern die »Bürger aller politischen Lager« teilen dieses Problem. Es macht als Problemstellung moderne Gesellschaften aus, und es ist, so Zielcke zu Recht, ein letztlich unauflösbares Problem. Es müsse um Wege gehen, die eigene Identität zu stabilisieren. Von dieser Diagnose führt »eine direkte Spur« zu einer Nebenbemerkung von Karl Marx, dass Widersprüche nicht gelöst im Sinne von aufgelöst werden können, sondern nur die Form ändern, in der sie sich bewegen. Fraglich ist deshalb die »Wirform des eigenen Ich« (Helmuth Plessner).
Zielcke charakterisiert die beiden Modelle, in denen sich die Suche nach Identität vorherrschend bewegt. Im einen, dem demokratisch-kapitalistischen Modell, stiften sich die Bürger wechselseitig als Subjekte ihres sozialen Handelns an. Es ist das Modell fluider, verfügbarer subjektiver Anerkennung. Gefragt ist hier Arbeit am eigenen Ich und am gemeinsamen Wir, bei dem alles darauf ankommt, »sich gegen alle zu stellen und mit allen am selben Strick zu ziehen«. Das zweite Modell, die national-historische Alternative, geht den Weg der Identitätsstabilisierung über die Verehrung eines äußeren Objekts, etwa Herkunft, Nation, Volk, Tradition. Das Versprechen ist ein fester Untergrund der Identitätsbildung. »Über ethnische Herkunft lässt sich nicht verfügen. Das ist mit ›identitär‹ gemeint.«
Der Furor der Rechten gründet dann darin, dass identitäre Identität auf einem positiven unverrückbaren Wir gebaut sein will, aber wesentlich nur negativ erfahren wird. In modernen Gesellschaften verweigert die offene Identität allüberall der geschlossenen Identität den Charakter des Unverfügbaren. Offene Identität ist Arbeit, nicht aber Unterwerfung. ›Dein Volk ist alles!‹ hatten wir schon einmal, und alle sog. Sorgen, dass Grundsätze solcher Bauart bedroht sein könnten, gehören nicht durch Diskussionen in aller Öffentlichkeit anerkannt.
Worauf Zielcke freilich durch Rekurs auf Sennets Flexiblen Menschen und auf Bröcklings Unternehmerisches Selbst anspielt, ist der Umstand, dass die Folgekosten der offenen Identität wahrlich auch nicht lustig sind. Sie laden kaum zu offener positiver Identifizierung ein. Wer nicht genügend Potenz zur allfälligen Arbeit am Selbst hat – »oft genügen dafür schon Benachteiligungen durch das Stadt-Land-Gefälle« –, für den erweist sich das Modell verfügbarer subjektiver Anerkennung als das, was es ist: als Verschleierung des wirkmächtigen Mechanismus, dass nur die Harten in den Garten kommen, und alle anderen draußen bleiben müssen.
Die Wirform der geschlossenen Identität will auf objektivem unverrückbarem Grund gebaut sein, der in modernen Gesellschaften nicht mehr zur Verfügung steht und nicht mehr zur Verfügung stehen soll. Die Wirform der offenen Identität ist auf den prekären doppelten Boden subjektiver Anerkennung gestellt, der notorisch das Netz eines solidarischen Wir zerpflückt. Die Arbeit des Anerkennung-machens bindet die Gelassenheit des Anerkanntseins, und in der Folge dann durchaus auch die schnöde Ignoranz gegenüber den Draußengebliebenen, an zu erbringende Leistungen, wodurch ein Eliteclub entsteht: Die, die die angesagten Leistungen erbringen, definieren auch noch, was an Leistungen zu erbringen ist, um dazu zu gehören.
Die Wirform der offenen Identität kennt zwei Weisen, in denen sie sich realisiert, die liberalistische und die kommunitaristische. Die liberalistische Weise ist die offensive Abschaffung eines jeden Wir, das über das Wir der Harten hinausgeht. Dort gibt es nicht so ein Etwas wie society (M. Thatcher), und aus der versprochenen Geschwisterlichkeit wird ein Haufen gelackter Egos. Die kommunitaristische Wirform ist demgegenüber eine Gesinnungsgemeinschaft. In den Genuss der »Gleichfreiheit« (Balibar) kommen nur diejenigen, die die Aufnahmeprüfung der richtigen Moral bestehen. Brüderlichkeit hieß schon zu Zeiten der Französischen Revolution: ›Willst Du nicht mein Bruder sein, schlag ich Dir den Schädel ein‹. Das ist selbstredend mit jedem liberalen Grundsatz unvereinbar, denn die Gemeinsamkeit des Rechts sollte auch noch so skurrile Privatmoral schützen.
Die Suche nach einer dritten Weise der Wirform der offenen Identität ist auf ganz wenige Spuren angewiesen, die zudem in aller Regel unkenntlich gemacht wurden. Eine dieser Spuren hat Rousseau gelegt, der noch zwischen Gemeinwillen und Gesamtwillen zu unterscheiden wusste. Der Rousseauismus hat dann leider den Abzweig in den kommunitaristischen Abgrund genommen. Die mit Tönnies populär gewordene Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft konnte, trotz Plessner, nie recht vom Stallgeruch der Unterscheidung ›kalte Gesellschaft – warme Gemeinschaft‹ befreit werden. Kann oder muss man das vielleicht noch einmal aufwärmen, um zu dem Konzept eines Gesellschafts-Wir zwischen einem liberalistischen Haufen und einem kommunitaristischen Gemeinschafts-Wir wenigstens in der Theorie zu kommen? Die Latte hängt recht hoch, denn es müsste das Modell verfügbarer objektiver Anerkennung sein. Aber es spricht ja auch wenig dafür, dass die gelingende Bewegungsform eines Widerspruchs eine theoretische Lappalie ist.
Welches Wir hat das nunmehr eher verrufene »Wir schaffen das!« berufen? Mittlerweile ist es zu einer Art Abzählreim verraten worden: Wie viele schaffen wir? Merkel hat nie wieder, und andere erst recht nicht, auf ihrer Version beharrt. In der ursprünglichen Version war jene Parole kontrapunktiert durch den Satz: »In einem solchen Land will ich nicht leben, in dem ernsthaft in Frage steht …!« Diese Einbettung war in der Folge nie sinnstiftend für den Satz, dass wir da irgendetwas schaffen. Im Gegenteil. Seitdem spielt Merkel unter dem andächtigen Schweigen und gelegentlichem Räuspern des Publikums mit Seehofer eine Art des Kinderspiels ›Reise nach Jerusalem‹, mit der zentralen Frage, wie viele Stühle in der Mitte stehen dürfen.
Hätte Merkel oder irgendwer sonst auf jenem kontrapunktischen Gegensatz beharrt, dann wäre sonnenklar gewesen, was der Sinn jenes »Wir schaffen das!« hätte sein können: Selbst noch Kinderspiele können wir heutzutage nur noch ernsthaft spielen, wenn wir sie im Rahmen der Geltung von Verfassung und Völkerrecht spielen und wir können stolz auf diesen Rahmen sein, der verhindert, das aus einer Reise um begehrte Plätze ein Rattenrennen wird. Dort blitzt ein Gesellschafts-Wir auf: Wir haben uns eine Verfassung gegeben, in der sich alle Egos und alle Gemeinschaften halbwegs verlässlich bewegen können – und wir sollten deshalb stolz auf uns sein!
Wäre das »Verfassungspatriotismus« (Sternberger, Habermas), dann wäre damit eine »objektive Wertgröße« (Zielcke) gewonnen, die es nur in subjektiver Zustimmung von uns allen zu uns gibt. Die kategorische Geltung von Verfassung und Völkerrecht gehört nicht in die Masse des Verhandelbaren, kann aber gleichwohl geändert werden, wenn Anträge auf Änderung Zustimmung finden. In der Festtheorie von Josef Pieper (»Zustimmung zur Welt«) wetterleuchtet ein solcher Fall objektiven Anerkennens durch ein ganzes Buch. Pieper hadert noch, ob solch republikanisches Wir über Uns nicht doch an den seidenen Faden gehängt werden muss, dass Gott die Welt gut eingerichtet hat, aber wichtiger ist alles diesseits dessen. Hätte sich Merkel solcherart Einsichten à la Pieper zu eigen gemacht und wäre sie ihrer ursprünglichen Version treu geblieben, hätte sie mit Aussicht auf Zustimmung Seehofer weitaus nachhaltiger mit der Kälte ihres Lächelns ins verdiente Abseits stellen können.

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Eigenes 2017_1

Vom 24.-27. September 2017 fand an der Humboldt-Universität zu Berlin der XXIV. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Philosophie unter dem Titel ›Norm und Natur‹ statt. Unter anderem fand ein Kolloquium zum Thema ›Körper, Leiblichkeit und Normativität‹ statt, das Thomas Bedorf (Hagen) organisiert hat. Auf seine Einladung hin gab es drei Kurzvorträge von Christian Grüny (Witten-Herdecke), Petra Gehring (Darmstadt) und von mir mit anschließender gemeinsamer Diskussion.

Ich dokumentiere hier meinen Vortrag (-›pdf).

Der Vortrag hatte zwei Teile. Zunächst habe ich sieben Argumentationsschritte angegeben zum Zusammenhang von Körper-Leiblichkeit und Normativität. Ich habe zusammengefasst, was ich zuletzt andernorts ausführlicher und in unterschiedlicher Perspektive herausgestellt hatte – dass es eine dritte Größe braucht, nämlich Personalität, um das Verhältnis der Körper-Leib-Differenz zur Normativität zu bestimmen, und dass man dann sagen kann und muss, dass bei Strafe von Kontingenzexorzismus Personalität nicht(!) durch die Körper-Leib-Differenz konstituiert ist, dass man aber aus normativen Gründen die These verteidigen kann (und sollte), dass Personalität an die Körper-Leib-Differenz „gebunden“ ist. Gebunden zu sein ist logisch weniger als konstituiert zu sein, aber logisch mehr, als bloß willkürlich zugeschrieben zu sein. In diesem Sinne der Gebundenheit gibt es dann nur leibhaftige Personen.
Im zweiten Teil gab es eine kurze vierschrittige Reflexion darauf, warum ausgerechnet Personalität resp. der gesellschaftliche Status der Würdigen jenes dritte Moment der Vermittlung von Körper-Leiblichkeit und Normativität sein sollte. Es ist eine Hommage an die Errungenschaft der Bürgerlichen Revolutionen, die am Tag nach dem Wahlerfolg der AfD eine bittere Note von Aktualität hatte.

Als Kurzversion hier die beiden orientierenden Thesen und die vier Schritte des zweiten Teils des Vortrags:
These 1: Um die Frage des Zusammenhangs der Körper-Leib-Differenz und Normativität zu klären, ist ein Drittes notwendig: Personalität. Was und wer als Person gilt, ist ohne normativen Wetteinsatz nicht zu bestimmen. Dass Personen leibhaftig, also an die Körper-Leib-Differenz gebunden sind, ist nicht selbstverständlich, aber aus normativen Gründen zu verteidigen.
These 2: Dass dieses notwendige Dritte gerade Personalität ist, ist Ausdruck dessen, dass jede aktuelle Zeitdiagnose zur Leibeskultur (Biomacht, Körpertechnologisierung, Selbstsorge etc.) notwendig durch eine (umstrittene) Grundannahme formatiert ist, was den Grundcharakter moderner Gesellschaften ausmacht. Der Verweis auf Personalität ist die Aufforderung, diese Grundannahme explizit und damit diskutierbar zu machen.

Teil II: Reflexion

Warum Personalität? Warum Würde? Verortung in der Moderne
1. Die Bürgerlichen Revolutionen waren politische Revolutionen, d.h. Revolutionen der Ordnung der Polis, der Gesellschaft. Bürgerliche Revolutionen haben umgestellt vom Recht des Stärkeren auf Rechtsstaatlichkeit: auf den Schutz der Gleichheit der Rechte Aller im Medium der Staatsbürgerschaftlichkeit – des sich wechselseitigen Anerkennens als Person gleicher Rechte.
2. Wie uns Anarchisten und Kommunisten gelehrt haben, waren es bloß politische Revolutionen, die nicht nur nichts daran geändert haben, weiter eine Herrschaftsform zu sein (sei es des Staates, so die Anarchisten; sei es einer Klasse, so die Kommunisten), sondern zudem diese Herrschaftsform durch die Umstellung auf Vermitteltheit zusätzlich verschleiert haben. Ich erinnere daran, worin Marx und Stirner einig waren:
»Der Mensch wurde daher nicht von der Religion befreit, er erhielt die Religionsfreiheit. Er wurde nicht vom Eigenthum befreit. Er erhielt die Freiheit des Eigenthums. Er wurde nicht von dem Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbfreiheit.« (Marx 1844, MEW 1: 369)
»Politische Freiheit sagt dies, dass die Polis, der Staat, frei ist, Religionsfreiheit dies, dass die Religion frei ist, wie Gewissensfreiheit dies bedeutet, dass das Gewissen frei ist; also nicht, dass Ich vom Staate, von der Religion, vom Gewissen frei, oder dass ich sie los bin.« (Stirner 1844: 115)
3. Wie uns historische Erfahrung gelehrt hat, steht diese Meta-Kritik in der Gefahr, die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution des Politischen klein zu reden und verächtlich zu machen und dadurch zu zermürben, oder als Formel: die Rechtsstaatlichkeit zu »verlachen« (Somek). In beinahe allen Varianten zeichnete sich solche Meta-Kritik durch einen schlechten Begriff von Herrschaft aus, nämlich: deterministische Herrschaft mit dem Paradebeispiel des Ökonomismus; zudem handelt es sich in aller Regel um den spätestens mit Foucault anachronistischen Versuch, Machtfragen auf Herrschaftsfragen zu reduzieren.
4. Wie uns alltägliche Erfahrung lehrt, kann die berechtigte Kritik an jener Meta-Kritik der Bürgerlichen Revolutionen das Kind mit dem Bade ausschütten. Basis-Überbau-Fragen können dann als vermeintlich obsolet gar nicht mehr erst formuliert, geschweige beantwortet werden. Aber der Marxsche Stachel bleibt: Die Analyse von »(Bio-)Macht« verbleibt in der Sphäre der Zirkulation und kratzt als bloße Deskription erst gar nicht an der Sphäre der Produktion.

Marx, Karl (1844): Zur Judenfrage. In: K. Marx; F. Engels (MEW): Marx-Engels-Werke. Berlin: Dietz, Bd. 1 (1983), 347-377.
Stirner, Max (1844): Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlich kommentierte Studienausgabe. Hg. v. Bernd Kast. Freiburg/ München: Alber 2009.

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Hinweis 2017_1

Jens Weinreich würde es einen „Hörbefehl“ nennen. Ich belasse es mal bei dem dringlichen Hinweis:

Wieder dlf, Essay und Diskurs: Heute Metz & Seeßlen über Staatsbürgerschaft;

und neulich schon Raul Zelik über Postkapitalistische Perspektiven

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Hinweis 2016_2

Bevor es im Übermaß der Angebote untergeht: In der Sendereihe Essay und Diskurs des Deutschlandfunks (Sonntags um 9:30 h) läuft zur Zeit eine 6-teilige Serie zum Marxschen Kapital: Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert. Unter der Federführung von Mathias Greffrath sind sechs AutorInnen beteiligt.

Die ersten beiden Sendungen waren sehr erhellend. Die nächste verspricht eine leichte Schieflage, denn dann ist von „Entfremdung“ statt von „Fetischismus“ die Rede, also einer Kategorie des frühen Marx, die sich gerade nicht bis ins Kapital durchgehalten hat. Aber zuviel darf man natürlich vom staatstragenden Rundfunk nicht erwarten – ist sowieso erstaunlich genug.

Kann man alles nachhören unter dlf: Essay und Diskurs

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Hinweis 2016_1

Ich wollte mich mal wieder zurückmelden. Ist ja schon lange her, dass hier der letzte Eintrag erfolgte. Vermutlich dachten Sie längst, dass dieser Blog tot ist. In gewisser Weise stimmt das sogar. Ich merke einfach, dass ich ihn nicht regelmäßig bedienen und pflegen kann neben all dem Alltagsgeschäft. Das ist nicht schön und gefällt mir selbst nicht. Aber es ist einfach so.

Zugleich aber ist es so, dass es (für mich) nicht geht, diesen Blog einfach einschlafen zu lassen. Als Dokumentation dessen, was ich wissenschaftlich tue, ist es tot, weil es im Alltag eine unpraktikable Verdoppelung ist. Aber mindestens für mich wird es in diesen finsteren Zeiten dringlicher, mich einzumischen – als Bürger, aber auch mit den spezifischen Aspekten und Möglichkeiten, die philosophische und gesellschaftstheoretische Arbeit bietet. Was genau das heißen kann, weiß ich nicht. Das muss sich wohl, hoffentlich in gemeinsamer Suche, erst herausstellen. Ich weiß nur, dass es angesichts der lauthals besorgten Bürger viel zu leise ist, wie mein eigenes Schweigen sinnfällig belegt.

Ein paar Hinweise, was in der letzten Zeit passiert ist:

  • der Abschlussband des Projekts Mediale Moderne ist erschienen; hier die Verlagsankündigung: Bewegungskulturen im Wandel
  • eine Zusammenstellung alter Aufsätze mit neuer Einleitung zu Naturdialektik, Prozess-Ontologie, Tätigkeitstheorie – aber auch mit einem neuen Beitrag zur Unterscheidung von Sozial- und Gesellschaftstheorie – ist als Heft 13/2015 der Online-Zeitschrift Tätigkeitstheorie erschienen
  • ein Band von Claus-Artur Scheier, von dem ich mir, bei verschobener Bedeutung, den Namen geliehen habe, zu Luhmann und medialer Moderne ist angekündigt: Luhmanns Schatten
  • Carolin Emcke bekommt – völlig zu Recht, wenn ich das sagen darf – am 23. Oktober 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie hat eine schlicht ergreifende Rede zur Eröffnung der Ruhrtriennale gehalten, dokumentiert vom Deutschlandfunk in der Sendung Kulturfragen vom 14.8.2016 und dort (noch) abrufbar
  • Ulrike Guérot ist am 7.8.2016 im Deutschlandfunk in der Sendung Essay und Diskurs zu ihrem Europa-Buch interviewt worden. Sehr beeindruckend und sehr richtig
  • wir mussten und müssen immer noch diskutieren und mit anhören, was es Unsägliches zu Merkels „Wir schaffen das“ zu sagen gibt. Ich finde, dass man das sehr kurz halten kann. 1. Der Satz kam viel zu spät! Als zahllose Flüchtlinge schon im Mittelmeer ersoffen sind, aber die deutschen Grenzen noch rein waren, wurde Lampedusa auch und nicht zuletzt von Merkel alleine gelassen. Und gegen alle Versuche, gegen Seehofer, Petry, Gabriel & Konsorten jetzt wenigstens Merkel zu wählen, sei an den Umgang mit Griechenland erinnert: Merkel ist nur im Tandem mit Schäuble zu haben (vgl. das Buch von E. Balibar, Europa: Krise und Ende?, Westfälisches Dampfboot 2016). 2. Der eigentlich wichtige Satz, den Merkel gesagt hat und der großen Respekt verdient, der aber seitdem betont durch Nichtthematisierung gestraft wird, war doch: „Es wäre nicht mein Land, es wäre nicht mehr mein Deutschland, wenn wir ernsthaft Hilfe für Flüchtlinge in Frage stellen.“ Merkels „Wir schaffen das“ war Ausdruck einer Selbstverständlichkeit, nicht trostvolles Mutmachen. Die ganze Perfidie von Seehofer etc. liegt darin, Merkels „Wir schaffen das“ zu einer kleinkrämerischen Aufrechnungsübung über zumutbare Obergrenzen verkommen zu lassen
  • wir haben am 20. August 2016 noch einmal um Rio Reiser getrauert. Er hätte gerade heute noch so viel zu sagen. Immerhin haben wir noch all die alten Lieder. Zum Beispiel sang er 1988 in der Seelenbinder-Halle in Ostberlin/DDR: Der Traum ist aus; dort ist u.a. zu hören: „dieses Land ist es nicht“
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Hinweis 2014_2

Ein Hinweis in eigener Sache: Soeben bei Fink neu erschienen ist der aktuelle Stand meiner Auseinandersetzung mit der Philosophie von Helmuth Plessner, ohne die Mediale Moderne nicht denkbar wäre.

Schürmann, V. (2014): Souveränität als Lebensform. Plessners urbane Philosophie der Moderne. München: Fink (beim Verlag)

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Hinweis 2014_1

Navid Kermani hat gestern im Bundestag eine Rede gehalten – zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes. Ich finde: Eine große Rede, die es verdient hat, oft und überall, und immer wieder, gehört zu werden. Eine Bildungsveranstaltung.

Ich selber probiere in letzter Zeit gelegentlich, ob man der Kategorie „Verfassungspatriotismus“ irgendeinen emanzipatorischen Gehalt abgewinnen kann. Ich bin nach wie vor unsicher. Aber wenn es gehen sollte, dann ist und meint es das, was Kermani gestern vorgeführt hat.

Die Rede kann man z.B. über die Deutschlandfunk-Seite hören: Kermani-Rede_hören
Zur Not auch lesen: Kermani-Rede_lesen

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Hinweis 2013_5

Gestern (30.11.2013) ist auf Handelsblatt online ein Interview mit mir erschienen zum Thema Sport und Menschenrechte, aus Anlass der Diskussionen um Sotschi und Katar.

Das Interview

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Trauer

Es ist einfach nur traurig!

In Erinnerung an Dieter Hildebrandt:
„Nicht der ist der Nestbeschmutzer, der auf das beschmutzte Nest zeigt, sondern der, der das Nest beschmutzt.“
(zit. n.: Christoph Well, Biermösl Blosn: Kopf und Bauch, taz v. 21.11.2013, S. 3)

Welch eine wunderbare Haltung!

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Hinweis 2013_4

Andreas Fischer-Lescano hat im letzten Heft der Blätter für deutsche und internationale Politik (10/2013) einen sehr lohnenswerten Beitrag zum whistleblowing geschrieben: Das Recht auf Enthüllung. Warum wir Whistleblower brauchen (S. 63-70).

Er macht im Kern drei Punkte stark:

  • Bei der üblichen Strategie der Abwägung von Sicherheits- und Freiheitsinteressen zieht das whistleblowing regelmäßig den Kürzeren – in der Praxis wirkt das dann nicht selten gerade nicht als Schutz, sondern als Angriff auf die Menschenrechte. Fischer-Lescano erinnert an den alten Begriff der „repressiven Toleranz“ von Marcuse.
  • Es ist von vornherein ein falsches Licht, wenn man das whistleblowing durch Bezugnahme auf Individualrechte zu rechtfertigen sucht. Was eigentlich auf dem Spiel steht, ist die überindividuelle Sphäre der Öffentlichkeit als solcher, also ein Rechtsgut, das Helmut Ridder „inpersonale Freiheit“ genannt hat: „Gesellschaft erschöpft sich aber nicht in der Interaktion vernunftbegabter Subjekte.“ (67) Whistleblowing ist „eine spezifische Form der Intervention in öffentlichen Räumen“ – ein Schutz dieser Räume verlangt begrifflich eine radikale Entpersonalisierung von Freiheitsrechten.
  • Damit zielen das whistleblowing und Plattformen wie WikiLeaks keineswegs auf eine total-gläserne Politik, die keine Geheimnisse mehr kennt. Solcherart Offenheitskulte sind theoretisch und praktisch nicht sehr überzeugend. Vielmehr geht es darum, dass nicht im Geheimen darüber befunden wird, was als geheim und was als öffentlich zu gelten hat. Whistleblowing ermöglicht vielfach erst, dass es darüber überhaupt eine öffentliche Debatte geben kann. Ohne whistleblowing „würde die Öffentlichkeit der Politik und nicht die Politik der Öffentlichkeit“ unterworfen (69).

Diese aktuelle Debatte ist eine Variation der Debatte, die mit der Aufklärung selbst aufgekommen ist: Klärt die Aufklärung restlos alles auf? Oder braucht oder hat auch die Aufklärung ihr Geheimnis?
Diese Debatte hat zwei Pole, die miteinander in Einklang zu bringen sind. Der eine Pol ist der Kantische Impuls: Es gibt nichts, was der Kritik prinzipiell entzogen ist, und Kritik ist das Geschäft des öffentlichen Vernunft-Gebrauchs (also zugleich auch Schutz einer Privatsphäre). – Der andere Pol ist der Impuls der Kant-Kritik von Hamann und Herder, der schlicht und einfach in der Nachfrage besteht, woher denn die Aufklärer mit ihrem Licht ausgestattet sind, das sie in das Dunkel der anderen bringen. Gerade der Maßstab der Kritik muss ein gemeinsam geteilter, demokratisch legitimierter und also noch öffentlich debattierter sein, um nicht unsichtbar gemacht und einfach klammheimlich ratifiziert zu werden.

Lessings Ernst und Falk hat das Problem literarisch verhandelt. Siehe dazu auch:
V.Sch. (1999): Das Geheimnis der Aufklärung

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